Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

502 Literaturberichte Die vorliegende Untersuchung, so definiert der Autor seine prinzipielle Position, „geht von der Auffassung aus, daß die Familie ein Element des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses bildet, von dessen histo­rischer Entwicklung und klassenspezifischer Ausprägung ihre konkrete Gestalt und Funktion bestimmt wird“ (S. 8). Die Familie — so als Teil der Sozialstruktur begriffen — soll umgekehrt „eine tiefere Einsicht in die Struktur und Dynamik der Gesellschaft vermitteln“ (ebenda). Soweit zum theoretischen Ansatz. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen daher die wirtschaftlichen sowie demographischen Veränderungen und ihre Einflüsse auf die Familien­struktur der Stadt Wien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Sie stützt sich dabei auf eine breite Quellenbasis: auf viele zeitgenössische Darstel­lungen der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse und auf quantitativ auswertbare Massenquellen (Volkszählungslisten), die vor allem für die Erforschung der Lebensverhältnisse besonders jener sozialen Schichten herangezogen wurden, die in den zeitgenössischen Beschreibungen kaum behandelt werden, weil man sie für viel zu bedeutungslos hielt (S. 10). Der Schwerpunkt der Arbeit liegt aber eben auf der Erforschung der sozialen Beziehungen von Arbeitern sowie Handwerkern (S. 11), wobei der Autor diesbezüglich der theoretischen und methodologischen Frage­stellung der neueren Arbeitergeschichte folgt und die Bedeutung der Arbeiterfamilie für die Konstituierung der Klasse in den Blickpunkt rückt (S. 209). Im besonderen versucht Ehmer jedoch das Problem un­ter dem Aspekt der „sozialen Reproduktion“, die von eigenständigen Familienbeziehungen vermittelt wurde, zu erfassen (S. 218). Aus diesen Perspektiven kristallisieren sich klar drei Entwicklungsphasen heraus: die erste um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, die zweite in den 50er und 60er Jahren und die dritte in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. und im Übergang zum 20. Jahrhundert. Während dieser gesam­ten Periode war, so stellt sich heraus, die Arbeiterfamilie starken Ver­änderungen unterworfen, die keineswegs geradlinig verliefen: Von einem nur in Ansätzen vorhandenen entwickelte sich die Arbeiterfamilie im Laufe des 19. Jahrhunderts zum quantitativ dominierenden Familien typ — entsprechend dem allgemeinen Prozeß, durch den sich die „Lohnarbeit von einem peripheren zum gesellschaftlich bestimmenden Arbeitsverhält­nis“ entwickelte und rein quantitativ gesehen das Wachstum der Ar­beiterklasse rasch (zu einer „Grundklasse der Gesellschaft“) voranschritt (S. 212). In jeder dieser drei Etappen hatte die Arbeiterfamilie — gemäß der oben­erwähnten Fragestellung — einen anderen Stellenwert: In der (ersten) Manufakturperiode hatten die familialen Verhältnisse dieser Schicht eine ent­scheidende Bedeutung für die sozialen Beziehungen der Arbeiter unterein­ander, für deren soziale und regionale Mobilität sowie für die Bildung der Klassenstruktur. In der (zweiten) Phase der industriellen Revolution nahm ihr Einfluß auf diesen Prozeß ab, im Übergang zur Hochindustrialisierung jedoch — und zwar in allen Arbeiterschichten — wieder stark zu. E. analysiert

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