Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Rezensionen 503 die ökonomischen Grundlagen, die diese Entwicklung auslösten. So bildete die in der Manufakturperiode dominierende Hausindustrie (die mit einer zentralisierten Manufaktur verbunden war) die wichtige Basis für die Familiengründung von Arbeitern: Allein der spezifische Produktionsprozeß verlangte die Zusammenarbeit von mindestens zwei bis mehreren Personen, so daß sich die Zusammenarbeit von Familienmitgliedern — inklusive der Kinder — als wirtschaftlich günstig erwies. Die Phase der industriellen Revolution war in Wien gekennzeichnet durch eine starke Ausdehnung des Kleingewerbes, das in die kapitalistische Warenproduktion einbezogen wurde, ohne allerdings die hausrechtlichen Arbeitsverhältnisse aufzugeben. Die Folge war zwar ein starkes Anwachsen der Arbeiterbevölkerung in Wien, die sich jedoch nicht aus bereits traditionellen Arbeiterfamilien rekrutierte, sondern aus ländlichen und kleinstädtischen Zuwanderem, und diese waren ihrerseits wiederum durch die charakteristischen Lebens- und Arbeitsverhältnisse des Kleingewerbes gehindert, Familien zu gründen. E. führt etwa das für das Kleingewerbe typische Wohnen beim Arbeitgeber oder — falls dies nicht in Frage kam — als Untermieter und Bettgeher an, das im übrigen auch für die ledigen und verwitweten Frauen, die im Gegensatz zu den verheirateten vorzugsweise als Fabrikarbeiterinnen arbeiteten, galt. Dies wirkte nicht eben familienfördernd. Die Indikatoren, an denen dieser Prozeß gemessen wurde, sprechen für sich: Der Anteil der Verheirateten an der Gesamtbevölkerung sank im Vergleich zu früher ab, das Heiratsalter stieg deutlich an und die Quote der unehelichen Kinder erreichte in den 50er und 60er Jahren den Höhepunkt des Jahrhunderts. Die Arbeiterfamilie war in dieser Zeit, so stellt der Autor fest, absolut nicht „die generelle Norm“ in der Wiener Gesellschaft (S. 215). Dies änderte sich allerdings, als sich im Übergang zur Hochindustrialisierung industriekapitalistische Arbeitsverhältnisse gegenüber den kleinbetrieblichen durchsetzten. Die neuen Leitsektoren der Industrie, wie Maschinenbau und Elektrotechnik, setzten neue Impulse. Die erhöhten Qualifikationsanforderungen an die Arbeiter verursachten gleichzeitig bessere wirtschaftliche Lebensbedingungen, die sich auch auf die Gründung eigener Haushalte günstig auswirkten. Außerdem: Arbeiter, die bereits aus Arbeiterfamilien kamen, blieben bis zur eigenen Familiengründung im Haushalt der Familie und wechselten kaum mehr wie früher in jene des Arbeitgebers mit hausrechtlichen Verhältnissen über. Die Verehelichungsquote stieg wieder, das Durchschnittsheiratsalter sank ebenso wie die durchschnittliche Personenzahl pro Haushalt, — Merkmale der sich ausbreitenden Kleinfamilie, die sich auf Eltern und Kinder beschränkt. Die Arbeiterfamilie wurde zur dominanten Erscheinung. Der Autor betont die enorme Auswirkung dieser stabilisierten Arbeiterfamilie auf die Konstituierung des Klassenbewußtseins (S. 217). Andere Autoren (Franz J. Brüggemeier, Lutz Niethammer) sehen darin das Symptom einer gewissen „Verbürgerlichung“. Die Fragestellung eröffnet — weit darüber hinausgehend — sozialkulturelle und sozialpsychische Perspektiven einer Gesellschaftsgeschichte, die noch aussteht. E. versucht diesbezüglich abschließend eine zusammenfassende Interpretation. Wenn er sie auch nur als „Impressionen“ bezeichnet, so wirken sie dennoch überzeugend. Beweis für die Existenz einer auf hausindustrieller Familienwirtschaft basierenden Volkskultur, die er beispielsweise für die Manufakturperiode konstatiert, ist für E. das Wiener Volkstheater, das als Spiegelbild der Wiener Lebenswirklichkeit gelten kann. Es bringt die für die frühkapitalistische proto-industrielle Zeit so symptomatischen Auf- und Abstiegsmöglichkeiten und die damit in Verbindung stehende wenig ausgeprägte Abgrenzung der Schichten (be-