Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Rezensionen 501 logischen Rüstzeug der Aufklärung entnommen war. Diese Einstellung wurde während der Reformansätze der neunziger Jahre in der sog. Educatio nationalis beibehalten, als die allgemeine, gleiche Erziehung und Schule für alle — also die Bildung für das ganze Volk — postuliert wurde. Nachdem die praktische Erprobung der Ratio von 1777 manche Mängel des neuen Schulsystems aufgezeigt hatte, kam es 1806 zu einer zweiten „verbesserten“ Auflage. Die wesentlichen Richtlinien der zweiten Ratio educationis hatten nicht nur während der kommenden Jahrzehnte Geltung, sondern nach ihren Grundsätzen war auch jene Generation erzogen worden, die zum Träger des ungarischen Liberalismus wurde. Im Schlußteil des Buches wird dann noch einmal die bereits eingangs gestellte Frage: Spätaufklärung oder Frühliberalismus? aufgegriffen. Cs. führt hier viele Gründe an, weshalb für die Zeit zwischen der ungarischen Jakobinerverschwörung 1794/95 und dem Reformlandtag von 1825/ 27 die Bezeichnung „Frühliberalismus“ richtiger (und daher auch berechtigt) sei als etwa der Begriff „Spätaufklärung“. Denn all die Forderungen dieser Zeit standen „dem praktischen politischen Programm des späteren Liberalismus ganz gewiß näher als den vagen Grundsatzerklärungen der Aufklärung bzw. der Spätformen der Aufklärung“. Man kann sehr wohl den abschließend auf gestellten Thesen von Cs. folgen, daß die Jahre des Frühliberalismus „Jahre des Wandels, des Umdenkens und des allmählichen Handelns“ waren und weiters, „daß der Frühliberalismus kein Ereignis mit einem festen, abgeschlossenen Programm, sondern ein Prozeß war“ (S. 245). Zweifellos hat Cs. mit seiner Studie einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung der Frühformen des europäischen Liberalismus im allgemeinen, der ungarischen Entwicklung im besonderen geleistet. Friedrich Gottas (Salzburg) Josef E h m e r Familienstruktur und Arbeitsorganisation im frühindustriellen Wien (Sozial- und wirtschaftshistorische Studien, hg. von Alfred Hoffmann und Michael Mitterauer, 13). Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1980. 279 S., 61 Tab. Die historische Familienforschung entwickelte sich als sehr junge Disziplin der Sozialgeschichte erst seit den 60er Jahren unseres Jahrhunderts. Heute stellt sie sich mit sehr unterschiedlichen theoretischen Ansätzen dar. Die gegenwärtige Diskussion geht im wesentlichen um die grundsätzliche Frage, ob der Familie „eine autonome Stellung innerhalb des Gesamtsystems gesellschaftlicher Beziehungen“ zuzuweisen sei (S. 209). Der Autor der vorliegenden Arbeit folgt der gegensätzlichen Konzeption, nach der „das gesamte Familienleben abhängig ist von ökonomischen und sozialen Faktoren, die in die Familie hineinwirken und von ihr nicht gestaltbar sind“ (Heidi Rosenbaum Familie als Gegenstruktur zur Gesellschaft. Kritik grundlegender theoretischer Ansätze der westdeutschen Familiensoziologie [21978] 109, bei E. S. 209).