Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
500 Literaturberichte und ihre Reform beleuchtet Cs. im besonderen den Einfluß der französischen Aufklärung auf die ungarische Verfassungsdiskussion. Wir wissen, daß in dieser Diskussion dem Reformlandtag von 1790/91 und dem Reformwerk der damaligen Zeit, den sog. Operata, besondere Bedeutung zukam. Im Gegensatz zu den Reformern des erwähnten Landtages verfolgten die ungarischen Jakobiner jene radikalen, demokratischen Ideen, die helfen sollten, die ungarische Gesellschaft von Grund auf zu verändern. Für eine gründliche Reform der ungarischen Konstitution als Ganzes trat der konservative Reformer Gregor von Berzeviczy ein. Die ungarische Verfassungsdiskussion erhielt eine neue Dimension, als die Habsburgermonarchie in ein österreichisches Kaisertum umgewandelt wurde. Die Frage war nun, wie die ungarische Verfassung mit der Einheit der Gesamtmonarchie zu vereinbaren sei. Als nicht sehr realistisch erscheint der — übrigens vom Kaiser und der Wiener Regierung kaum zur Kenntnis genommene — Plan des Palatins von Ungarn Erzherzog Joseph zur „Hungarisierung Österreichs“. „Realistischer“ war da schon die Forderung nach einer zwangsweisen Anpassung Ungarns an die Wiener Kabinettspolitik. Vorschläge zur Verbesserung der zerrütteten Zustände Ungarns brachte schließlich der Landtag von 1811/12 — und zwar bereits ganz im liberalen Geiste. In dem Kapitel „Ungarn und Napoleon“ weist Cs. darauf hin, daß Frankreich in Ungarn „als das Land der Freiheit, der sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit“ gefeiert wurde, und daß Ungarn bei Napoleon „zeitweilig eine nicht untergeordnete Rolle“ spielte (S. 131). Sehr interessant sind die angeführten Beispiele über Napoleons Emissäre und die Schilderung des Falles „Pálffy“, der zeigt, daß es auch unter den Magnaten Anhänger einer ungarischen Abhängigkeit gab, die sogar zu einer Zusammenarbeit mit den Franzosen bereit zu sein schienen. Das Vorgehen Napoleons in Spanien führte zusehends zum Verlust der Sympathien in Ungarn, was dann auch zur Folge hatte, daß Napoleons Aufruf an die ungarische Nation 1809 nicht den gewünschten Erfolg zeitigte. Im Zusammenhang mit dem Problem des Nationalismus hebt Cs. den Wandel des Begriffes „natio“ hervor, der im ausgehenden 18. Jahrhundert vor sich ging und der dadurch zum Ausdruck kommt, daß damals die Sprache zu einem der ausschließlichen Kriterien von Nation wird. Dies sollte in weiterer Folge zu den Auseinandersetzungen zwischen dem exklusiven Sprachnationalismus der „Magyari“ und dem Staatspatriotismus der auch Nichtmagyaren umfassenden „Hungari“ führen. Im dritten Teil des Buches setzt sich Cs. mit der Bildungssituation in Ungarn in den Jahren um und nach 1800 auseinander. Spätestens seit den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts kam es im Bereich der Schule und des Unterrichts zu einer durchgreifenden Neuorientierung, die vor allem im gesellschaftlichen Bereich bedeutende Veränderungen einleitete. Der Beginn dieses Reformprozesses erfolgte mit der Ratio educationis aus dem Jahre 1777, die mit ihrer „demokratischen“ Attitüde dem ideo-