Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

490 Literaturberichte Daß die einzelnen Arbeiten von unterschiedlicher Qualität sind, ist selbst­verständlich; andererseits hat etwa das Buch von Derek McKay über den Prinzen Eugen den überraschenden Beweis erbracht, daß trotz der fünfbändigen Biographie von Max Braubach selbst über den Savoyer noch Originelles zu sagen ist. Das Werk des Amerikaners Ingrao (Titel der englischen Originalausgabe: In Quest and Crisis: Emperor Joseph I. and the Habsburg Monarchy, Purdue University Press, West Lafayette, Indiana, 1979) zählt sicher zu den besten der bisher erschienenen Biographien. Der Kaiser, der stets ein wenig hinter seinen berühmten Mitarbeitern wie Prinz Eugen, Wra- tislaw und Gundaker Starhemberg in der Betrachtung der Historiker hat­te zurücktreten müssen, wird nun als eigenständige Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt. I. versucht auf breiter Basis ein Bild des Kaisers zu zeichnen, wie das in jüngerer Zeit skizzenhaft Wilhelm Bauer (Josef I. in Mitteilungen des Oberösterreichischen Landesarchivs 4 [1955] 260— 275) und Karl Otmar Freiherr von Aretin (Kaiser Josef 1. Zwischen Kaisertradition und österreichischer Großmachtpolitik in HZ 215 [1972] 529—606) getan hatten. Vom zuletzt genannten Autor stammt übrigens auch eine Einführung, die in knapper Form die verschiedenen Urteile über den Kaiser zusammenfaßt und die Probleme der Außen- und Innen­politik zur Zeit Josefs I. veranschaulicht. Leider erfahren wir durch I’s Buch nicht viel über das Heranwachsen des Kronprinzen, seinen Bildungsgang und seine Lektüre, denn die Vita setzt ein mit Josefs Oppositionsrolle gegen das Regiment seines Vaters Kaiser Leopold und der Betrachtung des „jungen Hofes“, der Umge­bung des Kronprinzen. Dabei hätte gerade das in jüngster Zeit erschie­nene Werk von Friedrich von Rummel (Franz Ferdinand von Rummel, Lehrer Kaiser Josefs I. und Fürstbischof von Wien (1664—1716) [Wien 1980]), das auch im Literaturverzeichnis aufscheint, hier wertvolle Ergän­zungen geboten. Eine markante Persönlichkeit ist ja auch der Ge­schichtslehrer des jungen Josef, Hans Jakob Wagner von Wagenfels mit seinem Ehren-Ruff Teutschlands, der gewissermaßen in den 20er Jahren vom Wiener Historiker Wilhelm Bauer wiederentdeckt wurde. I. macht keinen strahlenden Helden aus dem Kaiser, der neben seinen intellektuellen Fähigkeiten und seinen Führungsqualitäten, nämlich sein doch aus ausgeprägten Individualitäten bestehendes „Team“ zusammen­zuhalten, auch charakterliche Mängel aufwies. Schon wiederholt wurde auf die Vergnügungssucht des Kaisers und seine übermäßige Jagdleiden­schaft hingewiesen. Als „maitre de plaisir“ fungierte dabei Graf Leo­pold Matthias von Lamberg, der trotz seiner Mediokrität ein besonderer Favorit des Kaisers war und in den Reichsfürstenstand erhoben wurde. In den wiederholt begangenen Fehler, die Politik des Kaisers im Zu­sammenhang mit den geschilderten Negativseiten seines Charakters zu be­urteilen, sollte man aber auch nicht verfallen. Völlig zu Recht unter­nimmt es daher der Autor anhand einzelner Beispiele — etwa der Reichs-

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