Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
466 Literaturberichte bis November 1936) und danach als Sektionschef und „Bundeskommissar für Kulturpropaganda“ ins Bundesministerium für Unterricht. Nach dem „Anschluß“ wurde der erst 58jährige mit gekürzten Bezügen pensioniert; am 21. Juli 1944 verhaftet, mußte er etliche Zeit in den Konzentrationslagern Linz-Schörgenhub und Mauthausen verbringen. Er starb am 9. August 1947. Im vorliegenden Band, dem eine kurze Biographie (S. 9—29) mit einigen Literaturhinweisen vorangestellt ist — eine ausführliche Biographie unter Einbeziehung seiner Kriegszeit und unter Berücksichtigung seiner literarischen Arbeiten steht noch aus —, beschränkt sich H. im wesentlichen auf die Schilderung der Jahre 1933 und 1934, in denen es „für den Exekutivbeamten ... mit den geruhsamen Zeiten vorbei“ war und der „aufreibende alltägliche und allnächtliche Kleinkampf mit den politischen Gangstern“ (S. 74) ihm nur wenig Zeit für literarische Tätigkeit ließ. Leider empfand er die Zeit ab 1934 als „noch zu nahe“ (S. 136), um sie schriftlich darzustellen. Das ist besonders schade, weil Hammerstein im März 1938 als vielleicht einziger Österreicher wenigstens verbal „Widerstand“ leistete: Als Bundeskanzler Dr. Schuschnigg seine bekannte Rundfunkansprache mit „Gott schütze Österreich!“ beendet hatte, rief der im selben Raum anwesende Hammerstein noch laut: „Hoch Österreich, Lügen haben kurze Beine. Heute schäme ich mich, ein Deutscher zu sein!“, wurde aber sofort durch Herausreißen der Mikrophonverbindung unterbrochen 1). H. sah in seinen Erinnerungen nicht eine „auf eigene Erlebnisse und Eindrücke beschränkte“ Chronik, „sondern ... eine kritische ... Darstellung der Zeitereignisse, die sich ... mit ihnen auseinanderzusetzen trachtet“ (S. 82). Dementsprechend ist auch die Schilderung der Ereignisse immer wieder durch Überlegungen über die Hintergründe unterbrochen, die aber nach Ansicht des Rezensenten weniger die Gedanken des politischen Beamten um 1934 als vielmehr die Stimmung unmittelbar nach Kriegsende vermitteln. (Obwohl ein Teil des Manuskripts noch vor Kriegsende entstand, wurde es in den zwei Jahren nach H’s Rückkehr aus dem KZ noch überarbeitet und ergänzt* 2).) Dies zeigt sich in der toleranten Einstellung zur Sozialdemokratie wie in der harten Verurteilung des Nationalsozialismus, die — auch wenn man ihm zubilligt, diesen schon früh als „ganz gewöhnliche Gangsterei“ (S. 74) erkannt zu haben — die bitteren Erfahrungen der Jahre 1938—45 verrät. Insbesondere 1) Aussage Hammerstein-Equords in Der Hochverratsprozeß gegen Dr. Guido Schmidt vor dem Wiener Volksgericht. Die gerichtlichen Protokolle (Wien 1947) 290. 2) Zur Entstehung S. 27 ff. — Etliche Passagen (z. B. die Schilderung einer Begegnung im KZ, S. 119 f) sind sicher erst nach Mai 1945 entstanden, bei anderen kann dies nur vermutet werden. Einige Stellen sind mit Sicherheit vor Kriegsende verfaßt oder doch konzipiert worden (vgl. S. 115 den Hinweis auf 1934 mit dem Zusatz: „Heute, zehn Jahre später“).