Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Rezensionen 467 gilt dies für seine Forderung nach einer „schließlichen Abrechnung“ (S. 61), in deren Zuge man auch „professionellen Geschichtsfälschern [gemeint ist Viktor Bibi] mit dem Lehrstuhl die Möglichkeit weiterer Volksverseuchung zu entziehen“ haben werde (S. 87). Dem Nationalsozialismus mißt er auch einen großen Teil der Schuld an den Ereignissen des Februar 1934 zu. Allerdings war H. schon seiner „Abstammung und überwiegenden Verwandtschaft nach seit jeher mehr reichsdeutsch als österreichisch orientiert“ und trat „mit aller Entschiedenheit für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Reich“ ein (S. 62). Lediglich gegen den Nationalsozialismus wandte er sich mit aller Schärfe: „Einer meiner triftigsten Gründe, kein Nationalsozialist zu sein, ist der, daß ich ein auf Grund und Faden waschechter Deutscher bin“ (S. 64). Dies mag aus heutiger Sicht paradox scheinen, deckt sich aber fast wörtlich mit ähnlichen Formulierungen etwa von Heimwehrseite und scheint wesentlich zum Verständnis der damaligen Situation. Unter Berufung auf den fünfjährigen Kampf „auf Leben und Tod“, den „das arme, schwache, kleine, entwaffnete“ Österreich 1933—38 gegen den Nationalsozialismus geführt habe, lehnte H. auch den Widerstandsaufruf der Moskauer Deklaration ab: „Wer von euch, ihr ausländischen Mächte, die ihr jetzt den Mund so siegesgewiß und vergeltungsrichterlich vollnehmt, wer half Österreich? Es hat allein gekämpft und ... blieb allein ... in der Stunde seiner endlichen Niederlage“ (S. 84). Stellenweise schimmert auch eine sehr kritische Einstellung zur Sozialdemokratie durch, der er „Kleinlichkeit und das nur auf niedrigste Demagogie berechnete ihrer Politik“ vorwirft (S. 81). Doch auch den Heimwehren konnte H. nicht nur gute Seiten abgewinnen, er erkannte ihre Nähe zum Nationalsozialismus (S. 66 ff). Ihre „verheerende Heeresmacht“ erinnerte den Autor an Landsknechtstypen vergangener Epochen (S. 124 f), Starhemberg und Fey an „Condottieri“, deren zunehmender Einfluß auf die Staatsführung auch (oder: gerade) einem so „systemtreuen“ Beamten wie H. Sorgen bereitete. Bei der Abfassung der Lageberichte z. B. schien, seit Fey Sicherheitsminister war, „in den Äußerungen über die ... Provokationen von Heimwehrseite ... einiger Takt geboten“ (S. 99). Nach dem Februar 1934 fühlte sich H. von den nun siegreichen „Condottieri“ „an die Wand gedrückt“ (S. 121). Als der Landeshauptmann ungerechterweise „der Begünstigung der Roten“ bezichtigt und zum Rücktritt gezwungen, H’s Einwände aber von Fey abgetan wurden („Man dürfe im politischen Kampf derartige Dinge nicht so tragisch nehmen. Schlegel habe nun einmal entfernt werden müssen, der Anlaß spiele dabei keine so große Rolle ...“), fühlte er sich „bedrückt und ausgesprochen feig“ (S. 122). H. erkannte auch klar das Dilemma, in das ein Rechtsstaat bei der Bekämpfung innerer Unruhen geraten muß. Die Einrichtung von Anhalte30*