Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 465 viele dieser Gestalten der frühen Romantik, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts das Gefühl hatten, ihre eigene Zeit überlebt zu haben. Josephine von Wertheimstein und ihre Freunde haben sich weder neuen Kunsttendenzen wie dem literarischen Naturalismus oder der Zukunfts­musik Wagners, noch der herannahenden politischen Demokratie anpas­sen können; sie gehörten einer anderen, früheren Welt an. In einer ihrer seltenen politischen Äußerungen schrieb Josephine von Wertheimstein ihrem Bruder, dem Gelehrten Theodor Gomperz, am 10. März 1891: „Überall glotzte mir [in den Zeitungen] ... der Eckel [!] der Gemein­heit entgegen. Lichtenstein, Lueger etc. Die Barbarei bricht herein, wie Bauernfeld immer prophezeihte. Für das klassische Edle ist kein Platz auf diesem Hundenmarkt“ (S. 417—8). Im Ganzen genommen ist diese Briefsammlung eine oft rührende Erin­nerung an jenes im Vormärz wurzelnde österreichische Bürgertum, das im Laufe des Jahrhunderts Bedeutendes im Bereich der Kunst und Wissen­schaft schuf, und in den 60er Jahren spät an die politische Macht kam, um bald nachher in zunehmende Macht- und Belanglosigkeit zu verfal­len. So gesehen ist der vorliegende Band ein schriftliches Gegenstück zu der von der 1907 verstorbenen Franziska von Wertheimstein der Ge­meinde Wien vermachten Villa in Döbling, die noch heute ihren Familien­namen trägt und als würdiges Denkmal an eine Zeit erinnert, die längst vergangen ist und vergehen mußte. Ronald E. Coons (Storrs, Connecticut) Hans von Hammerstein Im Anjang war der Mord. Erlebnisse als Bezirks­hauptmann von Braunau am Inn und als Sicherheitsdirektor von Oberösterreich in den Jahren 1933 und 1934. Hg. von Harry Slapnicka. (Studien und Quellen zur österreichischen Zeitgeschichte 3). Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1981. 144 S. Selbst wer sich von dem vorliegenden Titel einen Kriminalroman erwar­tet hat, sollte Im Anfang war der Mord nicht vorschnell zur Seite le­gen. Hammersteins Erlebnisbericht ist durchaus „lesbar“, war der Autor doch ein begabter Literat, der sich — dem Vorbild großer heimischer Beamter folgend, die neben ihrer bekannt aufreibenden Tätigkeit gelegent­lich Zeit fanden, ihrer künstlerischen Begabung nachzukommen — nach seinem Jusstudium 1905 für „eine ruhige Tätigkeit in der Verwaltung, die ihm Zeit für seine Dichtungen ließ“ (Einleitung S. 12) entschieden hatte. Sein Schriftenverzeichnis zählt beachtliche 46 Titel, vom Zeitungs­aufsatz bis zum Roman (S. 139 f). Hans von Hammerstein-Equord bewährte sich außer als Schriftsteller aber auch in der politischen Verwaltung; seine „Karriere wider Willen“ (S. 79) führte ihn vom Bezirkshauptmann von Braunau am Inn (1923— 33) über den Sicherheitsdirektor von Oberösterreich (Jänner bis Juli 1934) bis zum Posten eines Staatssekretärs für das Sicherheitswesen (1934 Mitteilungen, Band 36 30

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