Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

448 Liter aturberi chte nannte Schrift entgegen, die auf einer Stiltradition aus der Umgebung Salzburgs basiert und einen Höhepunkt der Salzburger Schriftkunst dar­stellt: Im Grunde handelt es sich um „eine kalligraphisch veredelte oberösterreichische Minuskel“ (S. 74). Die Veränderungen betreffen die Minuskel, die Auszeichnungsschriften und den Buchschmuck. Bezeich­nenderweise wurden nun in Salzburg — was vorher keineswegs üblich gewesen war — majestätische Unzialevangeliare geschrieben, — ein deutli- sches Indiz für das Aufgreifen der Tradition von Mondsee und des von diesem Kloster mitgeprägten „oberösterreichischen Stils“. Nach einer kurzen Blüte ist in der späteren Adalram-Zeit und unter Erzbischof Liuphram (836—859) vom Stil der „neuen Kalligraphie“ nichts mehr zu spüren. Die Qualität der Schrift hat nachgelassen, die Minuskel wird lockerer, größer und gröber. Der Bücherzuwachs stagniert. Aus der Produktion der Zeit Adalrams muß die Göttweiger Handschrift 82, ein Lexikon der Tironischen Noten, hervorgehoben werden, da Salzburg nach der heutigen Überlieferung die einzige deutsche Schule war, in der ein solches Lexikon geschrieben wurde (S. 77 und 152 n. 147). Aber auch auf ein reizvolles Kabinettstück ist noch eigens aufmerksam zu machen: den Versuch, aus verstreuten Lebenszeugnissen und subtilen paläo- graphischen Beobachtungen ein Bild des karolingischen Gelehrten Baldo (t nach 850) zu skizzieren (S. 78—82; die paläographischen Beobachtungen der Hand­schriftenanalysen sind im Register S. 285 s. v. Baldo erschlossen). Metrische Widmungen in Handschriften nennen Baldo wiederholt als Förderer der Salzburger Bibliothek in der Zeit Adalrams und Liuphrams, er verfügte aber auch über Beziehungen ins Westfrankenreich und zu Ludwig dem Deutschen. Seine individuellen Schriftzüge begegnen in zahlreichen Codices, er hat mit der Feder in der Hand gelesen. Er veranlaßte nicht nur die Herstellung ver­schiedener Handschriften, er wirkte als Schreiber, Korrektor, Redaktor, Glossa­tor und als Sammler. Viele Zusätze im Verbrüderungsbuch von St. Peter stammen von seiner Hand. Er hat Salzburger Annalen in Ostertafeln einge­tragen, er interessierte sich für historische, hagiographische, theologische, kanonistische, didaktische und komputistische Literatur, aber auch für fremde Schriften — Griechisch, Runen, Gotisch, aber auch Geheimschriften —, und zu einem Alkuintext hat er zwei althochdeutsche Glossen notiert. Außerhalb des Salzburger Skriptoriums lassen sich nur wenige andere Schreibschulen fassen. Ein Atelier zeichnet sich aus einer Gruppe von Evangeliaren ab, die sich um das heute verschollene ehemals Lambacher Evangeliar (Cml. XXIII) gliedern läßt (S. 169—172). B. hält „es nicht für ausgeschlossen, daß es Klosterfrauen vom Nonnberg gewesen sind, die sie ausgeführt haben“ (S. 170). Der Schwerpunkt der Produktion lag im 1. Drittel des 9. Jahrhunderts. Im übrigen hat B. aus dem Katalog der „Süd­deutschen Handschriften unbestimmter Herkunft“ (S. 184—192) die Handschrift Paris BN lat. 9527 (Abschrift eines in Saint-Amand geschrie­benen Salzburger Codex, 1. oder 1./2. Viertel des 9. Jahrhunderts) hervor­gehoben, die gemeinsam mit einem Kremsmünsterer Fragment als Pro­dukt eines nicht lokalisierbaren Skriptoriums im Salzburger Raum anzu­sehen ist (S. 53, 187 f).

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