Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Rezensionen 447 In der Diözese (seit 798 Erzdiözese) Salzburg konzentriert sich das Schriftwesen auf die bischöflich-erzbischöfliche Zentrale. In dem großartigen, im Todesjahr des gelehrten Iren Virgil (f 784) angelegten Verbrüderungsbuch von St. Peter wird es zuerst greifbar. Zwei verschiedene Schrifttypen konkurrierten damals miteinander: eine von B. „Stil I“ genannte, im Gegensatz zu den vollrunden südostdeutschen Minuskeltypen halbrunde Minuskel, ein Kompromiß zwischen einheimischer und insularer (wohl mit Virgil zusammenhängender) Schreibart, und „Stil II“, eine strenge, stilvolle, aus Frankreich importierte, aufgerichtete und schwere Minuskel, deren Übereinstimmung mit der in Saint-Denis zur Zeit des Abtes Fardulf (793—806) gepflegten Minuskel die Annahme nahelegt, zur Zeit Virgils müsse ein Lehrer dieses Stils aus Saint-Denis in Salzburg gewirkt haben. Im Skriptorium oder in seiner nächsten Umgebung hat auch ein einzelner Angelsachse, Cutbercht, der Schreiber und Maler des Cutbercht-Evangeliars, gearbeitet, und verschiedene Handschriften aus Oberitalien, Frankreich (Chelles) oder Freising wirkten in vielfältiger Weise als stilbildende Vorbilder. Den erneuten Einbruch eines ausgeprägten Schriftwesens in die Salzburger Schreibschule bedeutete aber der Episkopat Arns (784—821), denn nunmehr herrschten enge Beziehungen zwischen Salzburg und Arns Kloster Saint-Amand, dem er auch weiterhin als Abt Vorstand. Mehr als 70 Handschriften, davon mehr als die Hälfte aus Salzburg, können der Schule von Saint-Amand und ihrem „Arn-Stil“ zugeordnet werden, einem Stil, der wohl erst unter Arns Leitung im Kloster ausgebildet wurde. Die Eigenheiten des Stils in den verschiedenen Phasen seiner Entwicklung und Entfaltung, von den Merkmalen der Minuskel über die Benützung von Unziale, Halbunziale und Capitalis bis hin zu den Abkürzungen, den Interpunktionszeichen (mit besonderer Form des Fragezeichens [S. 67]), dem Dekor, den Einbänden, aber auch dem Arbeitsstil und der Organisation des Skriptoriums, in dem 10 und mehr Schreiber gleichzeitig tätig waren, werden minutiös dargelegt (S. 64—70). Von den mehr als 150 Bänden, um die Am die Salzburger Bibliothek vergrößert haben soll, wurde wohl der Großteil in Saint-Amand hergestellt. Entstehung in Salzburg ist nur anzunehmen, wenn eine Arbeitsteilung mit Salzburger Händen nachweisbar ist (S. 71 f, 63). Vereinzelt dürften sich auch Salzburger Schreiber in Saint-Amand aufgehalten haben (S. 71). In Salzburg wurde der Arn-Stil von einigen Schreibern gepflegt und offenkundig auch gelehrt. Daneben hielt sich weiterhin stetig der Alt-Salzburger Stil II, der mit gewissen Wandlungen bis in die 20er Jahre des 9. Jahrhunderts geschrieben wurde; Stil I fand hingegen bald nach 800 keine Fortsetzer mehr. Noch während Arn-Stil und Stil II in Ausläufern praktiziert wurden, tritt plötzlich — in zeitlichem Zusammenfall mit dem Wechsel von Erzbischof Arn zu Adalram (821) — eine von B. „neue Kalligraphie“ (S. 73) ge