Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

446 Literaturberichte lieferung auf das älteste Traditionsbuch aus dem 9. Jahrhundert be­grenzt. Aus dem Kloster Niederaltaich läßt sich ein Niederschlag der Schreibschule von mäßigem Niveau aus der 1. Hälfte des 9. Jahr­hunderts im Rahmen der Würzburger Überlieferung herausschälen; B. (S. 5) vermutet den Wegzug von Schreibermönchen aus Niederaltaich nach Würzburg, als Abt Gozbald 842 zum Würzburger Bischof erhoben wurde. In Mondsee läßt sich hingegen die von Salzburg ganz unter­schiedliche Schriftentwicklung von den 80er Jahren des 8. bis zu den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts verfolgen. Die Überlieferung setzt mit höchst­rangigen Leistungen wie dem vor 788 entstandenen Psalter von Mont­pellier und Prachtevangeliaren in Unziale ein. Im Bereich der Minuskel zeigt sich während der Abtszeit des Kölner Erzbischofs Hildebald (803— 819) eine entscheidende Veränderung der Schrift von einem vollrunden Typ zu einem engeren, verhältnismäßig ligaturenreichen Stil. Der Schrift­typ, der auch in anderen, außerhalb von Mondsee überlieferten, leider nicht fest lokalisierbaren Codices aus dem oberösterreichisch-salzburgi- schen Bereich — unter anderem in den Evangelienanfängen der aufge­schlagenen Bücher auf den Evangelistenbildem des Kremsmünsterer Co­dex Millenarius — begegnet und auch nach Salzburg ausstrahlt, erhielt von B. die Bezeichnung „oberösterreichische Minuskel“ (S. 12 f, Hand­schriften S. 12 f, 27—30 aus Kremsmünster, 34—36 aus anderen Provenien­zen). Nach der Umwandlung Mondsees in ein regensburgisches Eigen­kloster (833) bricht die handschriftliche Überlieferung ab. Ein wohl aus Mondsee nach Regensburg gekommener Mönch hat für Bischof Baturich (817—847), dem Mondsee übertragen worden war, gearbeitet und unter anderem das Pontifikale dieses Bischofs geschrieben. Entschieden zurück­gewiesen wird von B. (S. 13—16) die These von Klaus Gamber, der zu­folge die Unzialevangeliare (auch der Codex Millenarius), der Psalter von Montpellier und der ältere (Mondseer) Codex der Paulinischen Briefe in Regensburg entstanden seien. Sehr behutsam wird das Pro­blem des Kremsmünsterer Skriptoriums, insbesondere die Frage, ob der Codex Millenarius in Kremsmünster entstanden sei, erörtert. Leider ist es nicht möglich, innerhalb des oberösterreichischen Stils eine eigene Krems­münsterer Schreibschule zu isolieren; zum Millenarius, dessen Entstehung B. (S. 29) in das 2. Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts datiert, wird nach­drücklich daran erinnert (S. 27), daß er sich durch seinen Text und durch drei seiner Evangelistenbilder so betont an den Salzburg-Mondseer Kreis anschließt. Die nicht wenigen karolingischen Handschriften und Fragmente, die in verschiedenen Sammlungen älterer, aber auch jünge­rer Klöster und Stifte der Diözese Passau überliefert sind (Katalog S. 37—51), liefern keine Anhaltspunkte für weitere Schreibschulen im Bereich dieser Diözese. Handschriften, die in dem noch im 8. Jahrhun­dert gegründeten Kanonikerstift St. Florian hergestellt worden wären, lassen sich nicht nach weisen; einzig zwei Mattseer Fragmente stammen vielleicht aus dem Skriptorium des karolingischen Benediktinerklosters.

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