Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 403 Neuere Erkenntnisse der Verbandsforschung151a), die die Zweifel an der „Kartell“-Konzeption bestätigen und das Reformpotential einer bür­gerlichen Mitte wesentlich höher * 152) als laut Stegmann 153) und anderen einschätzen lassen, machen es unwahrscheinlich, daß der ADV als im Zei­chen einer Polarisierung der Gesellschaft ,vollintegrierter‘ Bestandteil der sammlungspolitischen Krisenstrategie ,der Besitzenden“ aufzufassen ist. Dem entspricht, daß jüngst Wehler 154) und Puhle 155) — unter aus­drücklichem Hinweis auf Eleys Argumentation — die Grenzen der Mani­pulierbarkeit der nationalen“ Verbände durch die alten Eliten hervorge­hoben haben. Zu den sammlungspolitisch .untypischen“, in gewissem Maße disfunktio­nalen Teilbereichen der alldeutschen Politik gehörte ihr leidenschaftli­ches Engagement in allen Angelegenheiten der deutschen Politik in Öster­reich—Ungarn156). Dieser Aspekt wird in der neueren ADV-Literatur nur beiläufig erwähnt. Ohne Zweifel hängt dies damit zusammen, daß in der gesamten Kaiserreichdebatte Themen innenpolitisch-gesellschaft­licher Art und — was die Außenpolitik angeht — vorrangig westeuropa­bezogene Gegenstände wie Flottenbau, Kolonialreich, Beziehung zu Eng­land u. ä. im Vordergrund stehen. Für die Themenverteilung in der ADV- Literatur bedeutet dies: Noch mehr als in der Literatur zur alldeutsch­deutschnationalen Politik in Österreich-Ungarn wird der gesamtdeutsche bzw. deutschmitteleuropäisch-völkische Bezug, der u. E. für das Selbst­verständnis des völkischen Nationalismus von konstitutiver Bedeutung gewesen ist, vernachlässigt. Daraus wiederum ergibt sich: Die Bedeutung, i5iä) Besonders Siegfried M i e 1 k e Der Hansa-Bund, für Gewerbe, Han­del und Industrie 1909—1914 (Göttingen 1976); Hans-Peter Ullmann Der Bund der Industriellen (Göttingen 1976). Zur Einordnung der Ergebnisse in die Kaiserreichdebatte vgl. Thomas Nipperdey Organisierter Kapitalismus, Verbände und die Krise des Kaiserreichs in GG 5 (1979) 418—433, hier bes. 425—432. 152) Gustav Schmidt Parlamentarisierung oder „Präventive Konterre­volution“? in Gerhard A. Ritter (Hg.) Gesellschaft, Parlament und Regierung (Düsseldorf 1974) 249—278. Zustimmend jüngst — mit Bezug zum Bildungsbür­gertum — Rüdiger vom Bruch Deutschland und England. Heeres- oder Flot­tenverstärkung? in Militärgeschichtliche Mitteilungen (= MGM) 19 (1981) 7—35, bes. 9. 153) Als zu starr wurde Stegmanns „Kartell“-Konzept kritisiert: Hans-Ulrich Wehler Das deutsche Kaiserreich 1871—1918 (Göttingen 1973, 41980) 102; Gr oh Negative Integration 518; Puhle Parlament 358. Wolfgang J. Momm­sen ähnlich in Domestic Factors in German Foreign Policy before 1914 in Central European History 6 (1973) 3—43, hier 16 ff. “4) Hans-Ulrich Wehler Zur Funktion und Struktur der nationalen Kampfverbände im Kaiserreich in Modernisierung und nationale Gesellschaft im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert (Berlin [W] 1980) 113—124, hier 123. 155) puhle Legende hier bes. 115. 156) Näheres: Schödl Alldeutscher Verband, unter anderem Kap. V/2 —4, 258, 268 ff, 278—281. 26*

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