Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
404 Günter Schödl welche die Bemühungen des ADV um Zusammenfassung aller bürgerlichen deutschen Parteien in Österreich und um den Aufbau einer deutschen Partei in Ungarn im Rahmen seiner Gesamtpolitik hatten, wird unterschätzt. Desgleichen übersieht man fast ganz, daß dank ihrer Anbindung sowohl an die Deutschnationalen als stärkster Fraktion im Abgeordnetenhaus (ab 1911) als auch an die Reichsreformvorbereitungen der Thronfolgerumgebung (spätestens seit 1909/11) während der letzten Vorkriegsjahre die alldeutsche „Mitteleuropa“- bzw. „Großdeutschland“-Uto- pie durchaus Züge einer realen politischen Möglichkeit anzunehmen begann. Inwiefern diese gesamtdeutsch-„völkische“ Konzeption tatsächlich mehr als nur nationalpolitische kollektive Lebenslüge gedankenvoller, aber tatenarmer' „Kannegießer“ gewesen ist, läßt sich indirekt aus dem politischen Gewicht erschließen, das seit Oktober 1918 in Österreich dem Anschlußgedanken 157 158) und in Trianon-Ungarn dem Solidarisierungsstreben der deutschen Minderheit zukam. Daß die neuere Literatur derlei charakteristische, aber aus heutiger Sicht utopisch-,unvernünftige' Elemente alldeutscher Politik, überhaupt deren irrational-pathologische kognitive Struktur kaum thematisiert, weist auf eine methodologische Besonderheit der neueren Forschungsdiskussion über Nationalismus überhaupt hin: Die Untersuchungsverfahren, mit deren Hilfe Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlicher Interessenanatomie, Herrschaftsstrukturen und Legitimierungsdoktrinen ermittelt werden, erlauben kaum einen systematischen analytischen Zugriff auf extreme Varianten des Nationalismus. Um den extremen Nationalismus, um seine im 20. Jahrhundert entfaltete massenbewegende Kraft zu erklären, genügt es sicherlich nicht, (a) seine spontane Emotionalität zu bestätigen bzw. zu verurteilen und (b) gesamtgesellschaftliche Randbedingungen' seiner Zweckentfremdung als Instrument sekundärer, manipulativer Integrationstechnik zu ermitteln. Die sozialhistorische Untersuchungsmethode bedarf einer sozialpsychologischen Ergänzung 15S). Für die Nationalismusforschung ist sie unter anderem von Karl W. Deutsch, im Hinblick auf die Kaiserreichdebatte unter anderem von Wehler, Berghahn, Groh 159), versucht worden, — im engeren Bereich einer ADV- Untersuchung 16°) ansatzweise vom Verfasser. 157) Informativ und differenziert dazu neuerdings: Gerhard Botz Das Anschlußproblem (1918—1945) aus österreichischer Sicht in Kann—Prinz Deutschland und Österreich 179—198. Zu Ungarn jetzt: Thomas Spira German- Hungarian Relations and the Swabian Problem. From Károlyi to Gömbös 1919—1936 (New York 1977). 158) Wertvolle Anregungen enthalten Kurt L e n k s Ausführungen unter anderem über Sozialpsychologie der Mythenbildung und Ausdrucksideologie in „Volk und Staat“. Strukturwandel politischer Ideologien im 19. und 20. Jahrhundert (Stuttgart etc. 1971) bes. 31—36, 99—106, 143—-159. 159) Näheres dazu und Literaturbelege: Schödl Alldeutscher Verband bes. 220 ff, 381 f. iß») Ebenda 276—281, auch 239—247.