Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 399 strie gegenüber dem ADV als naiv-utopischem Debattierklub. In entschie­denem Gegensatz dazu haben DDR-Historiker auf der Grundlage der marxistisch-leninistischen Imperialismustheorie dem ADV als „führen­dem politischem Verband der aggressivsten Teile des deutschen Mono­polkapitals“ 136) unvergleichlich größeren Einfluß zugeschrieben. Zwi­schen diesen beiden Gegenpolen der neuesten Forschungsdiskussion sind zum einen solche Autoren anzusiedeln, die sehr zurückhaltend urteilen. Hier wäre Theodor Schieders außerordentlich behutsame Formel anzu­führen: Der ADV als „eine ideologische ... Elitegruppe“ habe Einfluß auf bürgerliche Parteien und Regierung ausgeübt, der „schwer genauer zu bemessen ist, aber ... weder überschätzt noch ganz unterschätzt werden“ könne137 *). Zum anderen haben sich Fritz Fischer13S) und jüngere, vor allem sozialhistorisch interessierte Historiker 139) im Gesamtzusammen­hang ihrer Revidierung des Kaiserreichverständnisses 14°) auch um einen neuartigen Zugang zur Problematik des wilhelminischen Verbandswesens, zu dem der ADV gehörte, bemüht. Diese Diskussion über die Innenansicht des Kaiserreiches hatte sich seit den späten 60er Jahren aus der allmäh­lich abklingenden Kontroverse um Fritz Fischers Auffassung von Kriegs­vorbereitung und Kriegszielen ,Berlins* entwickelt. Zu deren Hinterlas­senschaft zählte die wissenschaftliche Aufwertung der Frage nach Struk­tur und Dynamik des preußisch-deutschen Herrschaftssystems bzw. nach dessen Bedeutung als langfristig wirksamer Kriegsursache. Mit eindrucksvollen Ergebnissen im Teilbereich der Verbands- und Par­teienforschung traten 1967/68, auch was den ADV angeht, Hans-Jürgen Puhle141), Dirk Stegmann142) und Konrad Schilling143) hervor. Sie wi­136) Edgar Hartwig Zur Politik und Entwicklung des ADV von seiner Gründung bis zum Beginn des 1. Weltkrieges (1891—1914) (Diss. Jena 1966) 225. Diese Arbeit ist wesentlich informativer als Jürgen Kuczynskis frühe und — den Umständen ihrer Entstehungszeit entsprechend — emotional aufgeladene Studien zur Geschichte des deutschen Imperialismus 2 (Berlin [O] 1950). 187) Theodor Schieder Europa im Zeitalter der Nationalstaaten und europäische Weltpolitik bis zum ersten Weltkrieg in dsbe (Hg.) Handbuch der europäischen Geschichte 6 (Stuttgart 1968) 1—196, hier 31. 138) Fritz Fischer Krieg der Illusionen. Die deutsche Politik von 1911— 1914 (Düsseldorf 1969, Sonderausg. Kronberg—Düsseldorf 1978). 139) Zusammenfassende Hinweise auf .Schulen* existieren, sind aber um­stritten. Dies gilt besonders für die Bezeichnung „(Neo-)Kehrites“ bzw. „Kehr­schule“, — dazu z. B. Hans-Jürgen Puhle Zur Legende von der „Kehrschen Schule“ in GG 4 (1978) 108—119. 14°) Zur Fischer-Kontroverse u. a. Arnold Sywottek Die Fischer-Kon­troverse in Imanuel Geiss/Bernd-Jürgen Wendt (Hgg.) Deutschland in der Weltpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts. Festschrift für Fritz Fischer (Düssel­dorf 1973) 19—47; Volker Berghahn Die Fischer-Kontroverse — 15 Jahre danach in GG 6 (1980) 403—419; George G. Iggers Neue Geschichtswissen­schaft. Vom Historismus zur Historischen Sozialwissenschaft (München 1978, zuerst Middletown 1975) bes. 106—144. 141) Hans-Jürgen Puhle Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservatismus im wilhelminischen Reich (1893—1914) (Hannover 1967). Dsbe

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