Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
400 Günter Schödl derlegten die weithin dominierende Auffassung einer unbedeutenden Außenseiterrolle der Alldeutschen. Puhle und Stegmann zielten — stets im Kontakt mit der sich abzeichnenden sammlungspolitisch-sozialimperialistischen Neuinterpretation des deutschen Herrschaftssystems — darauf ab, daß der ADV ein „imperialistischer Agitationsverein“ 142 143 144) gewesen sei. Er wurde als eines der herrschaftstechnischen Instrumente eingeordnet, mit deren Hilfe sich das zwischen 1897 und 1902 verfestigte großagrarisch-schwerindustrielle „Kartell“ die Zustimmung insbesondere der Mittelschichten zu einer Strategie der Konservierung des Status quo politisch-gesellschaftlicher Machtverteilung beschaffen wollte. Obwohl sogar der DDR-Historiker Edgar Hartwig bereits 1966 — in bemerkenswerter Modifizierung seines Gesamtergebnisses — davor warnte, die große Mehrheit der ADV-Mitglieder „ohne weiteres als bewußt handelnde Vertretungskörperschaft der Ruhrmonopole“145 *) zu charakterisieren, trat in der bundesdeutschen Literatur dennoch die These einer weitgehenden „Kartell“-Bindung und herrschaftstechnischen Steuerung des ADV in den Vordergrund. Neben Hartwig ermittelten vor allem Stegmann, Schilling und Wernecke 148) in eindrucksvoller Detailarbeit zahlreiche Einzelbelege, die die Existenz ideologischer wie auch politischpraktischer und organisatorischer Verbindungen des ADV mit den Leitinstanzen von Politik und Wirtschaft nachwiesen. Diese Einzelbelege einer Verbindung zwischen ADV und Kartell hätten aber systematisch auf ihre Bedeutung im Gesamtzusammenhang alldeutscher Aktivitäten wie auch in demjenigen der wilhelminischen Politik als ganzer überprüft werden müssen. Ohne daß dies geschehen wäre, schlossen manche Autoren auf der Grundlage des neuen Wissens über das .Funktionieren' des wilhelminischen Herrschaftssystems von einer möglichen .Rolle' des ADV als Instrument der Konsensherstellung per Manipulation der bürgerlichen Öffentlichkeit vorschnell auf das, was alldeutsche Politik tatsächlich gewesen ist147). Die Vorstellung einer ,von oben' herspäter u. a. Parlament, Parteien und Interessenverbände 1890—1914 in Michael Stürmer (Hg.) Das kaiserliche Deutschland (Düsseldorf 1970) 340—377 und Hans-Jürgen Puhle Von der Agrarkrise zum Präfaschismus (Wiesbaden 1972). 142) Dirk Stegmann Die Erben Bismarcks. Parteien und Verbände in der Spätphase des Wilhelminischen Deutschland. Sammlungspolitik 1897—1918 (Köln—Berlin 1970). 143) Konrad Schilling Beiträge zu einer Geschichte des radikalen Nationalismus in der Wilhelminischen Ära 1890—1909 (Diss. Köln 1968). 144) Stegmann Erben Bismarcks 50. Noch entschiedener Puhle Parlament 346. 145) Hartwig Politik 225. 148) Klaus Wernecke Der Wille zur Weltgeltung (Düsseldorf 1970). 147) Dieser Einwand ist z. B. gegenüber einer der ansonsten eindrucksvollsten neueren Studien zur .Innenansicht' der Wilhelminischen Ära, gegenüber Stegmanns Erben Bismarcks, zu machen. Vgl. z. B. die methodologisch anfechtbaren Ausführungen über die Beziehung Emil Kirdorfs und anderer In-