Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

396 Günter Schödl Ergebnisaussagen derzeit noch sehr eng gezogen. Dies liegt — wie auch Carsten 118 * 120 121, Whiteside ,19) und andere betonen — in erster Linie daran, daß man eben trotz des Aufschwungs der österreichischen Zeitgeschichts­forschung noch immer zuwenig über die betreffenden Phänomene Alt­österreichs weiß. Hinderlich wirkt sich als Randbedingung der Forschung eine grundsätzliche Unsicherheit aus, auf welche geschichtlichen Erschei­nungen deutschösterreichischer Politik, insbesondere der Parteiengeschich­te, sich denn eigentlich eine Kontinuitätsdiskussion 12°) zu beziehen habe. Abgesehen davon, daß der Faschismusbegriff in der internationalen zeit­geschichtlichen Forschung an sich umstritten ist m), bleibt die Frage zu beantworten, auf welche Elemente des politischen Lebens in Österreich er überhaupt angewandt werden kann. Vorläufig jedenfalls ließen sich die in Frage kommenden Phänomene — trotz aller Unterschiede — dem Begriff „antidemokratisch“ zuordnen. Damit wird zum Ausdruck ge­bracht: Die Erörterung des Scheiterns der Republik bzw. des Auftretens antidemokratischer Einstellungen und deutschnationaler Auffassungen wie des Anschlußgedankens sollte nicht auf den deutschnational-natio­nalsozialistischen Teilbereich des politischen Lebens eingeengt werden. Diese Warnung vor Teilwahrheiten, die durch methodologische Vorent­scheidungen und politisches Wunschdenken geradezu unvermeidbar wer­den, gilt auch für die Kontinuitätsdiskussion: die Ermittlung lang­fristig-historischer Ursachen von ,1934/38' — darauf hat unter anderem Grete Klingenstein in ihren Überlegungen zur Faschismusforschung in Österreich hingewiesen122 *) — muß sich selbstverständlich auf die Ge­samtheit der antiliberalen Bewegungen der späten Monarchie beziehen. Die Frage, inwieweit die deutschnationale, womöglich überhaupt nur die alldeutsche Bewegung als Wegbereiter der nationalsozialistischen einzu­ordnen ist, ist demnach nur ein Teilaspekt der übergeordneten Frage nach gemeinsamen antiliberalen Anfängen und Anfangsbelastungen der österreichischen Massenparteien, — nach ihrem Defizit an demokratischer Tradition und „Österreichbewußtsein“ als Momenten einer Kontinuität zwischen 1866/71 und 1934/38 ,23). us) Francis L. Carsten Faschismus in Österreich. Von Schönerer zu Hitler (München 1977) 7. us) Whiteside Schönerer 14. 120) zur Kontinuitätsdiskussion im reichsdeutschen Raum unter anderem Klaus Hildebrand Hitlers Ort in der Geschichte des preußisch-deutschen Nationalstaates in HZ 217 (1973) 584—632; Fritz Fischer Zum Problem der Kontinuität in der deutschen Geschichte von Bismarck zu Hitler in dsbe Der Erste Weltkrieg und das deutsche Geschichtsbild (Düsseldorf 1977) 350—363. 121) Siehe Hildebrand Das Dritte Reich bes. 138—141. i*2) Grete Klingenstein Bemerkungen zum Problem des Faschismus in Österreich in Österreich in Geschichte und Literatur 14 (1970) 1—13. >28) Kritisch weisen Fritz Fellner — The Background of Austrian Fas­cism in Peter F. Sugar (ed.) Native Fascism (Santa Barbara 1971) 15—23 — und Manfried Rauchensteiner — Rezension von Carsten Faschismus in MÖStA 32 (1979) 438—441 — auf Versäumnisse der bisherigen Forschung hin.

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