Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Alldeutsch-deutschnationale Politik 397 Wie schwierig es ist, überprüfbare Aussagen über die antidemokratische ,Langzeitwirkung‘ der Liberalismuskrise besonders seit Ära Taaffe und Badenikrise zu machen, zeigt die Zurückhaltung, mit der sich Francis L. Carsten und Andrew Gl. Whiteside zum Thema ,Hitlers Vorläufer' äußern. Obwohl sie — u. E. unzulässigerweise — dabei ohnehin nur den radikalen Flügel des deutschnationalen Lagers, Schönerianer und Deutsche Arbeiterpartei, in Betracht ziehen, zögern beide Autoren dennoch, über die Behauptung eines ideologischen Zusammenhangs und gewisser Gemeinsamkeiten, was organisatorische Strukturen, Führungspersonal und soziale Basis betrifft, hinauszugehen. Ausdrücklich wendet sich Carsten dagegen, aufgrund dessen bereits von „faschistischen oder vorfaschistischen Organisationen“ 124) zu sprechen. Auch Whiteside, der den Begriff „Faschismus“ offensichtlich ganz ablehnt125 126), schränkt seine Ausführungen über die historische Bedeutung der Schönererbewegung als früher Variante des modernen „Rechtsradikalismus“128) insofern ein, als er — mit gutem Grund — hervorhebt, in welch’ hohem Maße erst das Erlebnis des Weltkrieges, daraus erwachsende Erschütterung der bürgerlichen Sozialordnung und paramilitärisch organisierter Antimarxismus das politischmentale Profil des Nationalsozialismus geformt haben. Über vorläufige Auskünfte dieser Art würde die Literatur zur alldeutsch-deutschnationalen Bewegung wohl hinausgelangen können, wenn sie sich weniger auf eine — wenn auch durchaus kritische — Rekonstruktion der ideologischpropagandistischen Selbstdarstellung der Deutschnationalen konzentrieren würde als — nach dem Vorbild der Faschismusforschung — auf die systematische Analyse ihrer politisch-sozialen Dynamik 127). III Eine solche Berücksichtigung der sozialhistorischen Dimension des deutschen Nationalismus im alten Österreich könnte in sachlich sinnvoller Weise mit ähnlich gearteten Versuchen einer Funktionsanalyse des — zeitlich parallelen — Nationalismus im deutschen Kaiserreich in ein Verhältnis komparativer Wechselbeziehung gebracht werden. Anliegen dieser Fellners an sich interessante Hypothese bezüglich „a clear spiritual connection" (S. 17) zwischen der Genese autoritär-totalitärer Bewegungen und — auch in Österreich — ununterbrochener katholischer bzw. kirchlicher Tradition wird gerade durch das von ihm selbst angeführte Beispiel Bayerns erschüttert: wichtigste Resonanzzonen der NSDAP in Bayern waren dessen fränkisch-protestantische, nationalliberal geprägte Teile, während sich historisch-langfristig verfestigte katholische — und proletarische — Traditionen als vergleichsweise resistent erwiesen. i*4) Carsten Faschismus 296. 125) Whiteside Schönerer 259. 126) Ebenda 258 ff. 127) Vgl. Everhard Holtmanns Kritik an Carsten Faschismus: Nationalismus, Arbeiterbewegung, (Austro-)Faschismus. Zu einigen Neuerscheinungen in Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 17 (1981) 258—269, hier 261.