Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
Alldeutsch-deutschnationale Politik 395 den bürgerlich-liberalen Schichten des Bismarckstaates115). Selbst die reichsdeutschen „Völkischen“ im ADV konnten sich erst angesichts Ba- denikrise und angeblicher „slawischer Gefahr“, vor allem seit Annexionskrise und Stagnation der Bülow’schen „Weltpolitik“ der Sogwirkung des kleindeutsch-etatistischen Loyalitätsgebotes entziehen n#). Die Tendenz zu einer gewissen Re-Kontinentalisierung der wilhelminischen Außenpolitik, zu „Mitteleuropa-“ Diskussion und Aufwertung der Achse Berlin—Wien/Budapest gehörte zu den Existenzbedingungen jener seit 1901, spätestens seit 1908 deutlichen, ganz erheblichen Intensivierung der Wechselbeziehungen zwischen Alldeutschem Verband und Deutschnationalen in Österreich-Ungarn. Bezeichnenderweise führte gerade diese völkische Transzendierung staatsbezogener Identitätsvorstellungen dazu, daß ihre von jeher radikalsten Befürworter — die österreichischen Alldeutschen — aus dem deutschnationalen Lager geradezu ,ausgekreist‘ wurden. Nicht zusammen mit Schönerer, sondern in erster Linie mit Deutscher Volkspartei, Schutzvereinen und unabhängigen Deutschnationalen wie Alexander von Peez, Michael Hainisch, Heinrich Friedjung machte sich der Alldeutsche Verband an die propagandistische Vorbereitung einer deutschnationalen „Gemeinbürgschaft“ in Mitteleuropa. Daß Schönerer spätestens seit der vernichtenden Niederlage bei den Reichsratswahlen 1907 zu einer sektiererisch-kauzigen Randfigur des deutschnationalen Lagers wurde, gerade weil er sich — zumindest verbal — zur irredentistischen Konsequenz dieser „deutschvölkischen“ Solidarisierung offen bekannte, war Ausdruck einer gewandelten politischen Gesamtsituation. Die Entwicklung seit 1866 hatte gefühls- und interessenmäßige Bindungen ins Leben gerufen, die es nicht mehr zuließen, daß sich österreichische Deutschnationale in ihrer politischen Praxis noch vom „Linzer Programm“ (1882/85) oder von Schönerers „Alldeutschem Grundprogramm“ (1901) leiten ließen. Ähnliches galt für die Deutschnationalen im transleithanisch-galizischen Raum: Die Ungarn- und die Karpatendeutschen unter Führung Edmund Steinackers bzw. Raimund Friedrich Kaindls m) wandten sich bezeichnenderweise entschieden gegen das Ansinnen, ihnen sei durch Angliederung Westungarns an Österreich bzw. Umsiedlung nach Preußisch-Polen eine sichere „völkische“ Existenz im künftigen „Alldeutschland“ zu schaffen. Wie bei dieser Frage nach Ausmaß und sozialer Fundierung der völkischen Loyalität jener Vielzahl deutschnationaler Richtungen, so ist auch bei der Frage einer alldeutsch/deutschnational-nationalsozialistischen Kontinuität in Österreichs neuester Geschichte der Aktionskreis möglicher n®) Dsbe Deutschland und das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie aus österreichischer Sicht in Kann—Prinz Deutschland und Österreich 412—423. no) Dazu ausführlich S c h ö d 1 Alldeutscher Verband Kap. II, III, IV/1 c. ui) Zu Kaindl und der „karpatendeutschen“ Bewegung siehe Alexander Blase Raimund F. Kaindl. 1866—1930 (Wiesbaden 1962).