Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 391 archie distanziert haben, scheint uns allerdings zu stark betont zu sein78 *). Bedauerlich, wenn auch bei einem Sammelwerk nicht ungewöhnlich, ist folgender Umstand: Die Ausführungen Sutters, die originell konzipierte und sorgfältige Studie Peter Urbanitschs80) über das sozio-kulturelle Profil der Deutschen in Cis- sowie die souverän disponierten, kenntnis­reichen Erörterungen, die Friedrich Gottas 81) der Entwicklung deutscher Minderheitsgruppen in Transleithanien zwischen 1848 und 1918 widmet, sind fast ohne inhaltliche Wechselbeziehung aneinandergereiht. Welche Vorteile eine über den alpen- und sudetenländischen Bereich hinausgreifende Betrachtungsweise der Erfassung der gesamten deutsch­nationalen Bewegung in Mittel- und Osteuropa bieten kann, versuchte Günter Schödl durch einen Überblick über die Anfänge des deutschen Schutzvereinswesens in Österreich-Ungarn, Rußland und Deutschland82) zu zeigen. Was jene deutschnationalen Politisierungsvorgänge in der transleithanischen Reichshälfte vor 1918, die sich erst während der Zwi­schenkriegszeit voll entfalten sollten, angeht, so regte der Verfasser jüngst eine Korrektur sowohl der historiographischen Selbstdarstellung der Un­garndeutschen als auch der neueren ungarischen Geschichtswissenschaft (unter anderen: Gyula Tokody) an. Im Rahmen einer Untersuchung, die an sich vor allem dem wilhelminischen Nationalismus galt83), wies er — gestützt auf erstmals umfassend ausgewertetes Material — darauf hin, daß weder die überkommene „donauschwäbische“ Auffassung der UDVP als selbständiger, reiner Minderheitenorganisation dem Quellenbefund entspreche noch diejenige, derzufolge die UDVP durch alldeutsche Kreise im Interesse des reichsdeutschen Imperialismus geschaffen und gelenkt worden sei. Gegen die Thesen sowohl eines defensiv-minderheitenpoliti- schen wie auch eines antiungarisch-imperialistischen Charakters der UDVP84) gleichermaßen gewandt, schlug der Verfasser eine vorsichti­gere, der lückenhaften Materiallage wohl eher entsprechende Interpre­tation vor: Die Entfaltung deutschnationaler Politik in Ungarn vor 1914 sei zwar in hohem Maße von der Hilfestellung außerungarischer, vor allem reichsdeutsch-alldeutscher Instanzen abhängig gewesen. Den­noch sei es nicht zu einer vollständigen imperialistisch-alldeutschen In­™) Ebenda 239 f. 8°) Peter Urbanitsch Die Deutschen in Österreich. Statistisch-deskrip­tiver Überblick, ebenda 33—153. si) Friedrich Gottas Die Deutschen in Ungarn, ebenda 340—410. 82) Günter Schödl Varianten deutscher Nationalpolitik vor 1918. Zur po­litischen Organisation und Programmbildung deutscher Minderheiten in Ost- und Südosteuropa in SOdtA 22/23 (1979/1980) 104—127. 83) Dsbe Alldeutscher Verband (siehe Anm. 56). — Die deutschnationale Politik in Ungarn selbst hingegen stellt Ingomar Senz dar: Die nationale Bewegung der ungarländischen Deutschen vdr dem Ersten Weltkrieg (München 1977). Diese beiden Erlanger Dissertationen — Schödl 1974/78, Senz 1976/77 — ergänzen also einander. 84) Zu Tokody siehe Anm. 44.

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