Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
392 Günter Schödl strumentalisierung der UDVP gekommen, — die wachsende autonome Politisierungsdynamik der Minderheit selbst wie auch die Kontakte der UDVP-Führung um Edmund Steinacker zum Thronfolgerkreis hätten dies verhindert. Auch gegen diesen — vermittelnden — Interpretationsvorschlag wenden die ungarndeutschen Historiker Ruprecht Steinacker85), Ingomar86) und Josef Senz87) ein, er unterschätze den „donauschwäbischen“ Eigenanteil an der deutschnationalen Politik in Ungarn, die als reine Minderheitenangelegenheit aufzufassen sei. Dieser gegenwärtige Stand der Spezialdiskussion läßt die Gefahr erkennen, daß die wissenschaftlich legitime Erörterung der Genese deutschnationaler Politisierungsvorgänge im Ungarn der Vorkriegszeit deformiert wird zu einer Art von Rückwärts-Verlängerung der endlosen Polemik über das Thema .Fünfte Kolonne* nunmehr auch auf den Zeitraum der Habsburgermonarchie. Dies wäre zu verhindern, wenn sowohl die ungarische als auch die „donauschwäbische“ Geschichtsschreibung das vorhandene Quellenmaterial, insoweit es zugänglich ist, vollständig ausschöpfen würden. Die donauschwäbische Historiographie sollte die neuere Literatur über das Deutsche Reich und seine Außen- bzw. „Mitteleuropa-“ Politik zur Kenntnis nehmen. Es empfiehlt sich auch, die österreichische Politik nicht so sehr aus der Perspektive des „Belvedere-“Kreises zu betrachten 88). Von Nutzen wäre ein stärkeres Eingehen auf Arbeiten, die in Ungarn und in der Tschechoslowakei veröffentlicht worden sind. Hier käme in erster Linie die wichtige Studie von Eva Windisch89) in Frage, die sich mit den gesellschaftlichen Existenzbedingungen der deutschnationalen Politik in Transleithanien befaßt hat. Hierzu auch Éva Madaras 90) und Jifi Kofalkas91) informative Ausführungen über den Zusammenhang von alldeutsch-deutschnationaler Politik, „Mitteleuropa-“ Projekt und Imperialismus. Ähnliches gilt für die Veröffentlichungen von 85) Ruprecht Steinacker in SOdtA 22/23 (1979/1980) 187—190. 86) Ingomar Senz Nationale Bewegung (siehe Anm. 83) 96 ff u.ö. 87) Josef V. Senz in Donauschwäbische Forschungs- und Lehrerblätter 25 (1979, n. 100) 124. **) Die donauschwäbische Literatur läßt die seit der Fritz Fischer-Kontroverse intensivierte Forschungsdiskussion über den wilhelminischen Imperialismus, die auch auf Nationalismus und „Mitteleuropa“-Politik ein neues Licht wirft, unberücksichtigt; was die politischen Verhältnisse in Österreich angeht, so ist fast ausschließlich vom Belvederekreis die Rede. Die ungarische Literatur wiederum hat den Nachlaß Steinacker, der eine außerordentlich wichtige Ergänzung zu dem fragmentarischen ADV-Material im Deutschen Zentralarchiv Potsdam darstellt, bisher nicht beachtet. 89) Éva Windisch Die Entstehung der Voraussetzungen für die deutsche Nationalitätenbewegung in Ungarn in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Acta Historica 11 (Budapest 1965) 3—56. •#) Éva Madaras Die Tätigkeit Edmund Steinackers zur Hebung des nationalen Selbstbewußtseins des ungarländischen Deutschtums im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Acta Universitatis Debreceniensis, ser. hist. 3 (1964) 111—140. 91) Siehe Anm. 44.