Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
390 Günter Schödl tiert angesichts der Unschärferelation der Ergebnisse derartiger, in weiterem Sinn kulturgeschichtlicher Untersuchungen. Dennoch sind diese unentbehrlich: Sie können davor bewahren, von einem abstrakt-schematischen politikhistorischen Bild deutschnationaler Parteientwicklung unvermittelt auf das wirkliche ,Leben“ zu schließen, — auf die zeitgenössische Gestalt des deutschen Nationalismus in ihrer charakteristischen massivvitalen Emotionalität, die sich durch eine Strukturanalyse allenfalls annähernd erfassen, kaum aber anschaulich vergegenwärtigen läßt. Letzteres aber — eine Art distanziert-bewußten Nacherlebens — ist wohl unerläßlich, wenn die Frage nach der zeitgenössischen Resonanz alldeutschdeutschnationaler Politik beantwortet werden soll. Es liefe geradezu auf verharmlosende Rationalisierung hinaus, die historische Bedeutung des Nationalismus — wie in der Literatur leider weithin üblich — durch das allgemeine Kategoriensystem parlamentarisch-interessenpolitischer Einflußverteilung erfassen zu wollen. Welche soziale Schwungkraft der Nationalismus in seiner gesellschaftlichen ,Rolle“ als Artikulierungsmittel relativ wenig politisierter Massenstimmungen im außerparlamentarischen Raum entfalten konnte, lehrt auch die neuere Antisemitismusliteratur 75). Hervorgehoben sei hier der informative und klare Überblick über die Entfaltung des politischen Antisemitismus in ganz Deutsch-Mitteleuropa zwischen 1867 und 1914, den Peter G. J. Pulzer 76) gegeben hat. Politik-, sozial- und ideengeschichtliche Betrachtungsweisen miteinander verbindend zeigt der Verfasser, wie unter der Einwirkung von Wirtschaftskrise und Liberalismuskritik der überkommene Antisemitismus politisch dynamisiert, vor allem in Österreich frühzeitig durch die Schönerianer rassistisch radikalisiert wird. Was die Praxis alldeutsch-deutschnationaler Politik angeht, so gibt es eine Reihe neuerer Spezialstudien, die die umfassenderen Arbeiten von Whiteside, Pulzer und Weber ergänzen. Die intensivste Erörterung hat das Thema der Nationalitätenproblematik erfahren. So finden sich z. B. in Berthold Sutters materialreichen, behutsam urteilenden Studien unter anderem über Badenikrise 77) und — im 3. Band der Habsburgermonarchie — über die Stellung der Deutschen in Cisleithanien78) auch Ausführungen über das alldeutsch-deutschnationale Lager. Die Entschiedenheit, mit der sich die Deutschnationalen unter dem Eindruck der Badenikrise auf Dauer von der Habsburgermon75) Vgl. Hildebrand Das Dritte Reich bes. 175—180. 70) Peter G. J. Pulzer Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867 bis 1914 (Gütersloh 1966, Erstausgabe: New York—London—Sydney 1964). 77) Berthold Sutter Die Badenischen Sprachenv er Ordnungen 2 Bde (Graz— Köln 1960, 1965). 78) Dsbe Die politische und rechtliche Stellung der Deutschen in Österreich 1848 bis 1918 in Adam Wandruszka—Peter Urbanitsch (Hgg.) Die Habsburgermonarchie 1848—1918 3/1 (Wien 1980) 154—339.