Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

386 Günter Schödl gelten. Diesem Urteil liegt der Eindruck zugrunde, daß sich Whiteside mit Erfolg um eine Neuinterpretation der Politik Schönerers als „Rechts­radikalismus“ bemüht hat. Sie wird ohne übertrieben tagespolitische Ak­tualisierung als eine der frühesten Ausformungen des im 20. Jahrhundert zunehmend bedeutsam gewordenen politischen „Extremismus“45) über­haupt aufgefaßt. Aus dieser Perspektive erarbeitet Whiteside weiterfüh­rende Themen und Anregungen für systematisch-sozialhistorische und vergleichende Untersuchungen der zahlreichen Varianten des deutschen Nationalismus in Mittel- und Osteuropa. Für die weitere Entwicklung der Fachdiskussion darf wohl als besonders wichtig gelten, daß sich der Verfasser vom tradierten ,Pro oder Contra Schönerer* löst. Dieser wird nicht als ,geborener* Massenverführer dämonisiert, nicht als pathologi­scher Radaubruder abgewertet, ohnehin nicht mehr zum idealistischen Vorkämpfer eines (groß-)deutschen Nationalstaats hochstilisiert; er wird weder als ,Anti-Lueger* noch als bloßer Hitler-Vorläufer eingeordnet. Statt dessen erfährt er eine Interpretation, die seine geschichtliche Indi­vidualität erkennen läßt; er tritt uns als gescheiterter Liberaler entgegen: als großbürgerlicher Kritiker des staatlich-gesellschaftlichen Status quo, — durch den eigenen sozialen Standort daran gehindert, in der Krise der 70/80er Jahre einen Weg zu finden, der über bloße Negationen hinweg zu durchgreifenden, dabei doch realisierbaren Neuordnungsvorstellungen hätte führen können. Verbale Radikalität und massendemagogische Dy­namik der schönerianischen Politik werden also von Whiteside nicht einfach ,festgestellt* bzw. positiv oder negativ beurteilt, sondern es wird auf ihre Motive hingewiesen. Desgleichen auf das Problem ihrer be­griffssprachlichen Erfassung. Zwar liegt es nahe, im Hinblick auf Schö­nerers tatsächliches politisches Handeln, besonders auf eine späte in­nenpolitische Programmatik, zweifelnd zu fragen, ,Was ist so revolutio­när an Bürger Schönerer?*. Aber dieser denkbare Einwand gegenüber der Ergebnisaussage — Schönerers Politik als frühe Variante des „rev­olutionary antidemocratic populism“ 46) — kann den Eindruck, daß White- sides Schönererbuch einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des euro­päischen extremen Nationalismus überhaupt in der Epoche von Liberalis­muskrise und Imperialismus liefert, kaum beeinträchtigen. Wichtige Titel der neueren Schönererliteratur dürfen auch in den — bis­her sehr wenig beachteten — Untersuchungen von John Chr. P. War­ren 47) und Dirk van Arkel48) erblickt werden. Während Warrens Londo­ner Dissertation als biographisch ausgerichtete Ergänzung zu Whitesides Arbeiten gelten kann, befaßt sich van Arkel in seiner Leidener Disser­tation mit der Genesis des deutschösterreichischen Antisemitismus. Sowohl 45) Whiteside Socialism of Fools 304. 46) Ebenda 305. 47) John W. P. Warren The Political Career and Influence of Georg Ritter von Schönerer (Diss. London 1963). Siehe Anm. 170. 48) Dirk van Arkel Antisemitism in Austria (Diss. Leiden 1966).

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