Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 387 dessen schönerianisch-deutschnationale als auch luegerisch-christlichso- ziale Ausformung werden als „essentially a form of social protest against capitalism and modern rational society as a whole“ 49) aufgefaßt. Anders als der soziale Protest der Arbeiterbewegung sei dies aber Protest „in the name of the past“ 50) gewesen. Während van Arkel dank seiner methodologisch überzeugend begründe­ten Bemühungen um einen sozialhistorischen Zugang zur Antisemitis­musproblematik einen weißen Fleck der Forschungslandschaft beseitigt, erreicht dies Clemens Weber* 80 81 82) durch biographische Filigranarbeit. In seiner bei Adam Wandruszka angefertigten Dissertation über Karl Her­mann Wolf gelingt es dem Vf., eine brauchbare Biographie dieses neben Schönerer bedeutendsten alldeutschen Politikers in Österreich zu erstel­len, obwohl nur entmutigend wenig Quellenmaterial zur Verfügung stand. Zurückhaltend im Urteil, aber sich keineswegs auf unkritische Faktographie beschränkend, führt Weber exemplarisch vor, wie man durch Auswertung der Presse und regionalgeschichtliche Konkretisierung endlich unser Wissen auch über andere wichtige deutschnationale Politi­ker (Julius Sylvester, Otto Steinwender, Otto Lecher, Franz Jesser, Ernst Bareuther und andere) erweitern könnte, obwohl sehr wenig Nachlaß­material vorhanden ist. Ähnlich wie Weber im Falle Karl H. Wolfs zeigt Harald Bachmann 52) am Beispiel Raphael Pachers, dessen autobiographische Skizzen erstmals aus­gewertet werden, wie sehr gesellschaftlich-innenpolitischer Anpassungs­druck als Motiv der freialldeutschen Sezession der Wolf-Anhänger ins Gewicht fiel. Jene relative Konsolidierung, die Österreich während der Ära Körber erfuhr, mußte die radikalen österreichischen Alldeutschen um Schönerer offensichtlich innerhalb des deutschnationalen Lagers unaus­weichlich isolieren. Nunmehr distanzierte sich auch der reichsdeutsche Alldeutsche Verband (ADV) von Irredenta und „Los von Rom“. Er unter­stützte gemäßigte Alldeutsche wie Raphael Pacher, vorrangig Deutschna­tionale wie Julius Sylvester und Carl Beurle bei ihren Bemühungen um Zusammenfassung und Aktivierung der Deutschnationalen in der cislei- thanischen Reichshälfte. Einige biographische Studien Günter Schödls gelten dem dabei — zusammen mit Alexander von Peez — als Vermittler wirkenden ,Chefideologen‘ des ADV, Paul Samassa5S), sowie ungam­■*9) Ebenda 193. 80) Ebenda (Sperrung durch den Vf.). 5i) Clemens Weber Karl Hermann Wolf (1862—1941) (Diss. Wien 1975). 82) Harald Bachmann Raphael Pacher und die deutschradikale Bewe­gung in den Sudetenländern in Bohemia 5 (1965) 447—458; dsbe Der Deutsche Volksrat für Böhmen und die deutschböhmische Parteipolitik in Zeitschrift für Ostforschung (= ZfO) 14 (1965) 266—294. 5S) Günter S c h ö d 1 Paul Samassa. Ein biographischer Beitrag zur Vor­geschichte des „extremen Nationalismus" in Deutschland und Österreich in SOdtA 21 (1978) 75—104. 25*

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