Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 385 über alldeutsch-deutschnationale Politik in Cisleithanien als erfreuliche methodische Novität gelten. Bedauerlicherweise, so möchte man geradezu sagen, kommt ihr dieses Prädikat gegenwärtig noch immer zu. Whitesides späterer Versuch (1975), eine Gesamtdarstellung der österreichischen all­deutschen Bewegung zu schreiben, fällt methodologisch gesehen hinter diesen Entwicklungsstand von 1962 zurück41). Unter dem unmöglichen Titel The Socialism of Fools — ein zeitgenössisches Schlagwort, das eher geeignet ist, den Gegenstand des Buches verächtlich zu machen als über ihn ,aufzuklären‘ — wird eigentlich eine politische Biographie Schönerers geboten42). Eine systematisch-sozialgeschichtliche Analyse der alldeut­schen oder gar der deutschnationalen Bewegung als ganzer wurde durch diese personengeschichtliche Einengung der Fragestellung von vorneher- ein vereitelt43). Anders als eine Reihe neuerer Untersuchungen von Auto­ren aus Ostblockländern 44) — Whiteside läßt sie fast ausnahmslos un­beachtet — enthält dieses Buch, das zudem die Entwicklung ab 1900 ver­hältnismäßig knapp behandelt, nur wenige Hinweise auf den Gesamt­zusammenhang deutschnationaler Politik in Mittel- und Osteuropa, d. h. besonders in Ungarn und im Deutschen Reich. In ereignisgeschichtlicher Hinsicht war angesichts der Quellenlage ohnehin nicht zu erwarten, daß über Molisch und Pichl hinaus ein Vorstoß in echtes Neuland gelingen werde. Dennoch darf Whitesides Schönererbuch als ein außerordentlich wichti­ger Beitrag zur neuesten Literatur über die österreichischen Alldeutschen 41) Andrew Gl. Whiteside The Socialism of Fools, Georg Ritter von Schönerer and Austrian Pan-Germanism (Berkeley—Los Angeles—London 1975). Unter dem Titel Georg Ritter von Schönerer. Alldeutschland und sein Prophet (Graz—Wien—Köln 1981) ins Deutsche übersetzt. 42) Erfreulicherweise bringt der geänderte Titel der deutschsprachigen Aus­gabe diesen Sachverhalt zum Ausdruck. 43) Der Vf. erhebt ausdrücklich den Anspruch, „eine vollständige und ge­naue Analyse“ (dt. Übs. 1981, S. 14) nicht nur des politischen Wirkens von Schönerer, sondern auch der alldeutschen Bewegung in Österreich zu liefern. Seine Behauptung, seit 1945 gebe es außer Kurzstudien „keine detaillierten Forschungen über das Alldeutschtum“ (ebenda) weist auf eine leicht irritierend wirkende Distanz zum gegenwärtigen Forschungsstand hin: die Arbeiten von John Chr. P. Warren, Dirk von Arkel, Clemens Weber, Jifí Kofalka (un­vollständig benützt), Nadezda D. Ratner und Gyula Tokody (siehe Anm. 44) und anderen haben es sicherlich nicht verdient, ignoriert zu werden. 44) Gyula Tokody Az össznémet szövetség és közép-európai tervei 1890— 1918 (Budapest 1959); dsbe Die Pläne des ADV zur Umgestaltung Österreich- Ungarns in Acta Historica 9 (1963) 45—67 (Budapest); Jirí Kofalka La montée du pangermanisme et VAutriche-Hongrie in Historica 10 (1965) 213-—253 (Prag). Nadezda D. Ratner Ocerki po istorii pangermanizma Avstrii koncé XIX v. (Moskva 1970); Edgar Hartwig Zur Politik und Ent­wicklung des ADV von seiner Gründung bis zum Beginn des 1. Weltkrieges (1891—1914) (Diss. Jena 1966). Dies ist nur eine Auswahl aus jener Literatur, die sich zwar nicht ausschließlich, aber jedenfalls in beachtenswerter Weise auch mit den österreichischen Alldeutschen befaßt. Mitteilungen, Band 36 25

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