Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
384 Günter Schödl sehen Bewegung, desgleichen das volle Ausmaß der zeitweise doch ganz erheblichen öffentlichen Resonanz, die Schönerer erzielte, ferner die konkrete innenpolitisch-parlamentarische Rolle der Deutschnationalen insgesamt konnten nunmehr Gegenstand realistischer Einschätzung werden. Daß durch diesen Interpretationswandel keineswegs eine apologetische Aufwertung der Deutschnationalen/Alldeutschen auf Kosten der Lueger’- schen Massenbewegung vorprogrammiert worden ist, zeigt die gegenwärtige Fachdiskussion. Dies läßt sich an den — oben bereits erwähnten — Ausführungen von Adam Wandruszka und Erich Zöllner ebenso ablesen wie an den kurzen, zusammenfassenden Darstellungen Robert A. Kanns37) und jüngst Margareta Mommsen-Reindls38 39). Christlichsoziale und deutschnational-alldeutsche Bewegungen werden hier nicht mehr im Sinne eines politischen ,Gut und Böse“ als antagonistische Kräfte lobend bzw. tadelnd einander gegenübergestellt. Stattdessen werden sie als antiliberale Massenbewegungen vor dem Hintergrund einer sozial und national dimensionierten Fundamentalkrise Deutschösterreichs einer rationalen und empirischen Betrachtungsweise zugänglich gemacht. Da eine den älteren Arbeiten von Molisch und Pichl vergleichbare neuere Gesamtdarstellung des deutschnationalen Lagers fehlt, kommt vorläufig einer Reihe biographischer Studien besondere Bedeutung zu. Hervorzuheben sind hier die Veröffentlichungen des amerikanischen Historikers Andrew Gl. White- side 30). Erstes wichtiges Resultat der langjährigen Beschäftigung Whitesides mit den österreichischen Alldeutschen war eine Monographie der 1904 in Böhmen (Trautenau) gegründeten „Deutschen Arbeiterpartei“ gewesen, — einem der ideologischen Verbindungsglieder zwischen Schönerianismus und Nationalsozialismus. Fast gleichzeitig mit Hans Mommsens thematisch benachbarter, aber auf die Sozialdemokratie bezogener Untersuchung zum Zusammenhang von Arbeiterbewegung, Nationalismus und österreichischem Nationalitätenproblem40) war 1962 diese Untersuchung zum Verhältnis von deutschem Nationalismus und Arbeiterbewegung in Böhmen erschienen. Dank der Verbindung von in engerem Sinne Parteigeschichte mit Sozialgeschichte durfte diese Studie in der Fachdiskussion 8?) Robert A. Kann A History of the Habsburg Empire 1526—1918 (Berkeley—Los Angeles—London 1974). In deutscher Übersetzung: Geschichte des Habsburgerreiches 1526—1918 (Wien—Köln—Graz 1977). 88) Margareta Mommsen-Reindl Österreich in Frank Wende (Hg.) Lexikon zur Geschichte der Parteien in Europa (Stuttgart 1981) 441—470, hier bes. 450 ff, 467—470. 39) Andrew Gl. Whiteside Austrian National Socialism before 1918 (The Hague 1962). Ferner: Nationaler Sozialismus in Österreich vor 1918 in Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte (= VJHZ) 9 (1961) 333—359 und: Austria in Hans Rogger—Eugen Weber (Hgg.) The European Right (Berkeley—Los Angeles 1966) 308—363. «) Hans Mommsen Die Sozialdemokratie und die Nationalitätenfrage im Habsburgischen Vielvölkerstaat (Wien 1963).