Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Alldeutsch-deutschnationale Politik 381 gegen die totalitäre Wirklichkeit „Großdeutschlands“ sich abzeichnende — Überzeugung durch, daß ein eigener, ein „österreichischer“ Weg aus der Katastrophe der deutschnationalen Tradition und der Ersten Republik gesucht werden müsse 22). Auch die Geschichtswissenschaft in Österreich entzog sich diesem Bewußtseinswandel nicht. Für die Diskussion über all- deutsch-deutschnationale Politik bedeutete dies: Das — ohnehin schlag­artig verringerte — Interesse von Wissenschaft und öffentlicher Meinung reduzierte sich weitgehend auf zwar glaubwürdige, aber weithin doch nur beiläufig-formelhafte en passant-Widerlegung. Die österreichische Ge­schichtsforschung, die inzwischen eindrucksvolle Untersuchungen zur deutschnational-nationalsozialistischen Bewegung in Österreich nach 1918 erarbeitet hat, beschränkte sich, was deren alldeutsch-deutschnatio­nale Vorstufen in Altösterreich angeht, zunächst auf kurze Bilanzierun­gen in Handbüchern, auf einige ängstlich faktographische Dissertationen und biographisch/autobiographisches Erzählen. Sicherlich wäre es unhistorisch gesehen und ungerecht, diese unbefriedi­gende Situation lediglich als solche zu konstatieren, desgleichen, sie aus­schließlich als Ergebnis bewußter Verdrängung von Nichtbewältigtem erklären zu wollen. Vielmehr ist anzuerkennen, daß während der For­mierungsphase des „österreichischen“ Staatsgedankens und angesichts der Konsolidierung einer „österreichischen“ kollektiven Identität die Ge­schichtsschreibung ihre legitime Aufgabe der Sinn- und Integrationsstif­tung wahrgenommen hat. Es versteht sich von selbst, daß sie daher vor­rangig diejenigen Traditionslinien österreichischer Zeitgeschichte thema­tisierte, deren ethische und programmatische Substanz nicht zerstört wor­den war und die sich politisch durchgesetzt hatten, — die sozialdemokra­tische und die christlichsozial-konservative. Allerdings dürfte ein solcher Primat politisch-gesellschaftlichen Praxisbezugs auf lange Sicht nicht mit dem methodologisch-theoretischen Postulat zu vereinbaren sein, daß so­wohl dem Vergangenen wie auch der Wissenschaft vom Vergangenen eine gewisse Autonomie gegenüber Forderungen ,vom Tage“ zukomme. Dermaßen zugleich perspektivische und objektivitätsorientierte Ge­schichtsforschung sieht sich mit der Aufgabe konfrontiert, eine thema­tisch gleichmäßig proportionierte Darstellung der altösterreichischen Par­teiengeschichte in Angriff zu nehmen. Die bisherige Vernachlässigung der deutschnationalen Teilkomponente ist gegenwärtig weder mit ge­schichtswissenschaftlichen noch mit politisch-pädagogischen Argumenten verständlich zu machen. 20 * 22) Zur innerösterreichischen Diskussion über die österreichische Identität, insbesondere auch über Notwendigkeit und aktuellen Stand der Bemühungen um eine Abgrenzung der Begriffe „österreichisch“ und „deutsch“, jüngst die Überlegungen von Helmut Rumpler : Österreich vom „Staat wider Willen" zur österreichischen Nation? (1919—1955) — Die deutsche Frage im 19. und 20. Jahrhundert. Augsburger Symposion 23.—25. September 1981 (unveröffentl. Tagungsmaterialien).

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