Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)
SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich
382 Günter Schödl Wichtige Voraussetzungen sind im Rahmen ereignisgeschichtlicher Bestandsaufnahmen bereits geschaffen worden. Und zwar unter anderem ideengeschichtliche Herleitungen, organisationsgeschichtliche Einzelbefunde und interpretative Akzentsetzungen von z. T. weiterführender Bedeutung. In dieser Hinsicht wäre Robert A. Kanns — erstmals 1950 in den USA erschienenes — Werk über die Nationalitätenproblematik der Monarchie zu nennen 23). Zu dessen Vorzügen gehört, daß die deutschnationale Thematik in ihren nationalitäten- und reichspolitischen Zusammenhang eingeordnet wird. Wichtiges wurde auch im Sinne einer ereignisgeschichtlichen Bilanzierung geleistet; noch mehr wohl, was eine ideen- und rechtsgeschichtlich vertiefte Interpretation der deutschnationalen Politik angeht. Als Grundlage einer intensivierten Spezialforschung hätten auch frühe Anregungen dienen können, die einige andere, ebenfalls während der ersten Nachkriegsdekade veröffentlichte Untersuchungen enthielten. So erarbeiteten Adam Wandruszka24) und Albert Fuchs25) perspektivenreiche Ansätze einer vergleichenden Betrachtung der Parteienentwicklung. Theodor W. Adorno26), Oskar Karbach27) und andere bemühten sich um die Grundlegung der Antisemitismusforschung. Allan J. P. Taylors 28) brillant formulierte, provokative (Hypo-)Thesen zur gesamtstaatlichen Entwicklung von 1809 bis 1918 konnten als interpretativer Rahmen einer kritischen Parteienhistorie dienen. Im Rückblick scheint es aber, daß anderen Stimmen stärkere Resonanz beschieden war, — z. B. Richard Charmatz und Hugo Hantsch. Charmatz 29) begnügte sich im Jahre 1947 weitgehend damit, in vordergründig-anekdotischer Manier Schönerer („Ritter Georg“) und die all23) Robert A. Kann Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie 2 Bde (Graz—Köln 1964). Die amerikanische Ausgabe ist unter dem Titel The Multinational Empire: Nationalism and national Reform in the Habsburg Monarchy 1848—1918 (New York) erstmals 1950, danach 1964 und 1970 erschienen. 24) Adam Wandruszka Österreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen in Heinrich Benedikt (Hg.) Geschichte der Republik Österreich (Wien 1954) Teil II, hier bes. Kap. 1 und 4. 25) Albert Fuchs Geistige Strömungen in Österreich, 1867—1918 (Wien 1949). 20) Theodor W. Adorno Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda in Psyche 24 (1970) 486—507 (erstmals in Psychoanalysis and the Social Sciences 3, ed. G. Róheim [New York 1951] Part V 279—300). Dsbe et al. Der autoritäre Charakter. Studien über Autorität und Vorurteil 2 Bde (Amsterdam 1968/69) = übersetzte, gekürzte Fassung von Studies in Prejudice Bd. 1—3, 5 (New York 1950). 27) Oskar Karbach The founder of modern political Antisemitism: Georg von Schönerer (Jewish Social Studies 7, New York 1945). 28) Allan J. P. Taylor The Habsburg Monarchy, 1809—1918 (London 1948), mehrfach neu aufgelegt. 29) Richard Charmatz Nationalismus als Phrase: Georg Ritter von Schönerer in dsbe Lebensbilder aus der Geschichte Österreichs (Wien 1947) 141—152.