Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

380 Günter Schödl denen, teilweise kontroversen nationalsozialistischen und großdeutschen bzw. konservativ-deutschnationalen Varianten des völkisch-nationalisti­schen Selbstverständnisses in Österreich bzw. im Deutschen Reich zum Ausdruck bringt. Den Typ der nationalsozialistischen Propagandaschrift repräsentieren die Darstellungen von E. V. v. Rudolf und von Rudolf Lochner I5). Letzterer charakterisiert Schönerer als „größten deutschen politischen Erzieher nach Bismarck und vor Hitler“ 16), — als „Erzieher zu Großdeutschland“. Al­lerdings flackerten immer wieder Kontroversen zwischen Schönerers un­bedingten Bewunderern und anderen Autoren auf, die — exemplarisch Heinrich Schnee 17) — in der Tradition nationalsozialistischer Kritik an der gesamten deutschnationalen Bewegung Altösterreichs standen. Für sie war Schönerer als Wegbereiter des Rassenantisemitismus und „Groß­deutschlands“ noch zu sehr .Bürger“ und altliberaler Doktrinär geblie­ben. Sie konnten sich auf jene kritische Beurteilung berufen, die er in Hitlers Mein Kampf erfahren hatte 18). Es habe — so Hitler — Schönerer keineswegs an gedanklicher und verbaler Radikalität gefehlt. Aber er sei unfähig gewesen, „die theoretische Erkenntnis der Masse zu vermit­teln ...“19). Die alldeutsche Bewegung, die zwar „nationalistisch, allein leider nicht sozial genug“20) gewesen sei, habe scheitern müssen: „Das geringe Verständnis ... für die Bedeutung des sozialen Problems kostete sie die wahrhaft kampfkräftige Masse des Volkes; das Hineingehen in das Parlament nahm ihr den gewaltigen Schwung ...; der Kampf gegen die katholische Kirche machte sie in zahlreichen kleinen und mittleren Kreisen unmöglich ...“zl). II Anders als nach dem Ende des 1. Weltkrieges setzte sich nach dem Zu­sammenbruch des Dritten Reiches die — schon vor 1945 im Widerspruch 15) Eine Auswahl: Rudolf Lochner Georg von Schönerer, ein Erzieher zu Großdeutschland (Bonn 1942); E. V. von Rudolf Georg Ritter von Schö­nerer (München 1936); Erwin Mayer-Löwenschwerdt Schönerer der Vorkämpfer (Wien—Leipzig 1938); Eduard Pichl Georg Ritter von Schönerer (Wien 1940); Franz Stein Der Rufer der Ostmark, Georg Schönerers Lehen und Kampf (Wien 1941); ähnliche Tendenz zeigt die Schönererdarstellung bei Karl U h 1 i r z/Mathilde U h 1 i r z Handbuch der Geschichte Österreichs und seiner Nachbarländer Böhmen und Ungarn II/2 (Graz—Wien—Leipzig 1941) bes. 1008 ff. 16) Lochner Georg von Schöneren 3. 17) Heinrich Schnee Georg Ritter von Schönerer. Ein Kämpfer für All­deutschland (Reichenberg 1940, 31943), mit Quellenanhang; Fritz Neuschä­fer Georg Ritter von Schönerer (Hamburg 1935). 1S) Adolf Hitler Mein Kampf (München 347-3431938), hier bes. 1. Bd, 3. Kap. 19) Ebenda 107 f. 20) Ebenda 133. 2‘) Ebenda 127.

Next

/
Oldalképek
Tartalom