Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 35. (1982)

FINK, Manfred: Wiener Arbeiterjugend 1894–1914. Ein Beitrag zu ihrer Vereinsgeschichte

166 Manfred Fink rung des zu gründenden Verbandes zugunsten eines verfrühten Engagements zu gefährden. Für den 6., 13. und 20. September 1903 wurden vereinzelt Versammlungen unter dem Motto der Gewerbeschulreform einberufen, nachdem am konstitu­ierenden Verbandstag, am 4. April 1903, der Antrag auf Einleitung einer grö­ßeren Aktion abgelehnt worden war. Erst nach einem Beschluß des ersten ordentlichen Verbandstages im April 1904 wurden größere Veranstaltungen im Sinne der Abschaffung des Nacht- und Sonntagsunterrichtes gestartet. Auf sämtlichen im September 1904 abgehaltenen Versammlungen wurden Resolutionen angenommen, in denen „in Erwägung, daß zahlreiche Autoritä­ten auf hygienischem sowie pädagogischem Gebiete sich gegen den Abend­schul- und Sonntagsunterricht ausgesprochen haben“, ferner, daß mit dem Abendunterricht der Lehrzweck nicht erreicht und der Wirtschaft, die ge­schulte, theoretisch wie praktisch ausgebildete Arbeiter brauche, nur Scha­den zugefügt würde, der Verbandsvorstand Protest gegen diese „die Lehr­linge drückende, ihre Gesundheit schädigende Institution“ erhob und die Verlegung des Gewerbeschulunterrichtes in die Tageszeit gefordert wurde62). Eben zu diesem Zeitpunkt wurde Anton Orel mit dem „Bund der Arbeiterju­gend“ aktiv, sicherlich im Wunsch und mit der Hoffnung, im Sozialengage­ment ein Gegengewicht zum sozialdemokratischen Verband darzustellen. Der am 22. Juni 1905 abgehaltene zweite Bundestag beschloß die Einrichtung von Lehrlingsschutzkommissionen in allen Bundesvereinen und beschäftigte sich mit der Gewerbeschulreform. Vorerst wurden die Ziele der Reform abge­steckt. Gefordert wurde 1. die Abschaffung des Sonntagsunterrichtes und 2. die Verlegung des Werktagsunterrichtes in die Zeit von 17 bis 19 Uhr63). Am 3. Bundestag (8. September 1905) wurde ein Memorandum an die Ge­werbes chulkommiss ion und an den niederösterreichischen Landesausschuß beschlossen (dessen Überreichung am 18. beziehungsweise am 20. November 1905 erfolgte), in dem der Bundesvorstand das gewerbliche Unterrichtswesen in seiner existierenden Form als unzulänglich qualifizierte. Der Unterricht wäre nicht genügend fachlich und würde zu einer Zeit erteilt, in welcher „ein gedeihlicher Unterricht nicht möglich ist“64). Die Forderungen Orels und des „Bundes der Arbeiterjugend“ deckten sich demnach vollständig mit denen des „Verbandes der jugendlichen Arbeiter Oesterreichs“, doch sollte der Verlauf der Entwicklung zeigen, daß der Erfolg in dieser Sache nicht nur von den Jugendorganisationen selbst, sondern in nicht unerheblichem Maße von der Unterstützung der Parteiführungen be­stimmt wurde. So koppelte der „Verband der jugendlichen Arbeiter Oester­reichs“ bereits 1905 seine Aktionen mit Privatinitiativen einzelner Persön­lichkeiten aus der Partei. Dabei blieb die Gewerbeschulreform ein Punkt un­ter vielen im Forderungspaket der Arbeiterschaft, das Auftreten des Jugend­verbandes jedoch erfuhr dadurch eine immense Aufwertung. 62) DJA 10 (1904) 6. 63) Vgl. Geschichte der christlichen Juqendbewequnq 1 9 f. M) Ebenda 12.

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