Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 35. (1982)

FINK, Manfred: Wiener Arbeiterjugend 1894–1914. Ein Beitrag zu ihrer Vereinsgeschichte

164 Manfred Fink herm gegen die Schule“54) stark genug, um die Lehrlinge am regelmäßigen Schulbesuch zu hindern. Diesem Mißstand suchte man von seiten der Cen­tral-Commission dadurch zu begegnen, daß das Prinzip der selbständigen genossenschaftlichen Schulorganisation zugunsten eines straffer zentralisier­ten Schulkonzeptes in Frage gestellt wurde. Das Gewerbeschulwesen zerfiel in seiner Konzeption in drei Ausbildungs­ebenen. Für Lehrlinge, die zwar der allgemeinen Schulpflicht entwachsen waren, aber die zum Eintritt in die gewerbliche Fortbildungsschulen not­wendigen Vorkenntnisse nicht besaßen, beziehungsweise der deutschen Un­terrichtssprache nicht in dem Maße mächtig waren, um dem Unterricht in den Fortbildungsschulen folgen zu können, wurden gewerbliche Fortbil­dungskurse eingerichtet. Diese Schulen waren für die betreffenden Lehrlinge Pflichtschulen und standen mit Volks- und Bürgerschulen oder mit gewerbli­chen Fortbildungsschulen in Verbindung. Im Jahre 1893/94 - im Zeitraum der Gründung des Wiener „Vereines jugendlicher Arbeiter“ — waren in Nie­derösterreich 14.575 Schüler, von denen 10.525 das Lehrziel erreichten, in 83 gewerblichen Vorbereitungskurse eingeschrieben55). Den zweiten Ausbildungsweg stellten die gewerblichen Fortbildungsschulen dar, an denen Lehrlinge und Gehilfen Aufnahme fanden, die das Lehrziel der Volksschule erreicht hatten beziehungsweise der Unterrichtssprache so weit mächtig waren, daß sie dem Unterricht folgen konnten. Diesem lag ein „Normallehrplan zugrunde, welcher solche Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln bestimmt, welche zur Ausübung der Gewerbe von Wichtigkeit“56) waren. Lehrstoff und Stundenausmaß waren den örtlichen Verhältnissen ent­sprechend vorgeschrieben. Insgesamt gab es im Schuljahr 1893/1894 in Nie­derösterreich 52 gewerbliche Fortbildungsschulen, die von 9.173 Schülern besucht wurden. Ferner bestanden - gleichsam auf einem dritten Ausbüdungsweg - fachliche Fortbüdungsschulen, die bezüglich der Aufnahmebedingungen den allgemein gewerblichen Fortbildungsschulen gleichgestellt waren und aufgrund des Lehrplanes nur solche Gegenstände umfassen sollten, welche den Gewerben unmittelbar entsprachen und durch Unterricht in Buchhaltung ergänzt wur­den. 7.253 Schüler waren im Schuljahr 1893/1894 in den 28 Unterrichtsan­stalten Niederösterreichs eingeschrieben57). Mit diesem Schulkonzept wollte man den Anforderungen nach einem Min­destmaß an Bildung und einer maximalen Einbeziehung von praktischer Lehre gerecht werden. So berichtet Dr. Rudolf Schindler, Ministerialsekretär im k. k. Handels-Ministerium, 1903 über seine Erhebungen an den allgemein gewerblichen Fortbildungsschulen in Niederösterreich - Wien ausgenommen 54) Fünfzehnter Bericht über die Wirksamkeit der Gewerbeschul-Commission in Wien im Schuljahr 1885/1886, 1887 November 23: AVA MCU 16 Ai ZI. 24023/1887. 55) Jahreshauptbericht des k. k. nö. Landesschulrates für das Schuljahr 1893/94, 1895 Dezember 18: AVA MCU 16 Ai ZI. 30416/1895. 56) Ebenda. 57) Ebenda.

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