Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)
DIENST, Heide: Niederösterreichische Pfarren im Spannungsfeld zwischen Bischof und Markgraf nach dem Ende des Investiturstreites
42 Heide Dienst die Besetzung des Passauer Bischofsstuhles genommen. Der Nachfolger Bischof Reginberts war Konrad, der Sohn des Markgrafen Leopold. Wechselbeziehungen zwischen Babenbergern und Passau bzw. Salzburg waren und blieben äußerst rege, das zeigen ganz besonders Ergebnisse personengeschichtlicher Forschung. Was hat nun die „Reform“ verändert, bewirkt? Hat man sich des Ausdrucks nur als eines wirksamen Schlagwortes bedient, als Motor für die Durchsetzung eigener Interessen? Es ist jedenfalls Tatsache, daß reformerische Motivationen Aussicht auf Erfolg hatten, daß man ohne sie nicht mehr auskom- men konnte. Was nun die Angehörigen der politischen Führungsschicht betrifft, so haben vorstehende Überlegungen gezeigt, daß alle Beteiligten von dem Schlagwort profitiert haben, indem sie damit politische und gesellschaftliche Realität verändern konnten, — das Ausmaß der Veränderungen allerdings wird vermutlich vielfach überschätzt. Zeitgenossen und Nachwelt haben sie als Sieger, als „Gerechte“ gefeiert. Einzig Bischof Reginmar bleibt in den Quellen etwas blaß und hat in der Historiographie wenig Platz gefunden, vielleicht auch, weil er zu wenig pragmatisch vorgegangen ist oder eher, weil er kein großes umfassendes Konzept vertreten und verkündet hat. Erzbischof Konrad nimmt als der große, standhafte und erfolgreiche Reformer in der Kirchengeschichtsschreibung — und nicht nur in ihr - einen Ehrenplatz ein, Hartmann, der sein Leben als Bischof von Brixen beschloß, wird als Seliger verehrt, Markgraf Leopold gelangte zur Ehre der Altäre. Hauptgrund dafür war neben der propagandistisch ausgewerteten Tatsache, daß er durch seine Heirat in die oberste Schicht des Reichsadels aufgerückt war und daß seine Kinder angesehene Stellungen innerhalb der Reichsverfassung, als Herzoge, als nach-Wormser Reichsbischöfe, innehatten, seine erfolgreiche Kirchenpolitik: Er hat einen den Splendor seiner Familie dokumentierenden kirchlichen Sammelpunkt gestiftet, ein Gegengewicht gegen das passauische Göttweig und ein Reservoir von vermutlich gebildeten Klerikern für Amtsgeschäfte, wie etwa diplomatische Missionen, aber auch einfach zur Besorgung von allem „Schriftlichen“. Es ist unklar, von wem die Anregung ausging, den Sohn des Markgrafen in die Hochburg moderner Bildung und Wissenschaft, nach Paris, zu schicken. Sie wurde jedenfalls aufgegriffen, führte in weiterer Folge zur frühen Gründung eines Zisterzienserklosters in der Mark auf altem babenbergischen Grundbesitz (Heüigenkreuz, 1133/36), eines Klosters, das dank seiner Ordensverfassung hervorragend geeignet war, den lebendigen Strom aktuellen Wissens aus dem Westen in die Mark zu leiten, - ein Umstand, den der Markgraf auch (seinen) anderen Gründungen zugute kommen ließ. In Kürze lassen sich als wesentliche Ergebnisse der vorstehenden Überlegungen zur Diskussion stellen: 1. Die in dem Zehentausgleich von 1135 genannten dreizehn Pfarren wurden als negative Einheit interpretiert, als eine Aufzählung all jener Pfarren, aus denen Passau bisher keine (allenfalls unregelmäßige) Zehenteinnahmen bezog.