Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)
DIENST, Heide: Niederösterreichische Pfarren im Spannungsfeld zwischen Bischof und Markgraf nach dem Ende des Investiturstreites
36 Heide Dienst Wir hören von ihr zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer Nachricht, die Anlaß zu Fehlinterpretationen geboten hat: Seit Mitis nachdrücklich auf sie aufmerksam gemacht hat, erfreut sich eine Notiz in einer aus dem Stift St. Pölten stammenden kirchenrechtlichen Handschrift des regen Interesses der Forschung133). Es ist darin davon die Rede, daß Bischof Ulrich von Pas- sau (1096—1121) die über der Toreinfahrt der Garser Burg errichtete Kapelle weihte; bei dieser Gelegenheit habe man „in scrinio L. marchionis, in quo re- liquie eius reconditg sunt“ - also offenbar in einer Truhe, wo die Hinterlassenschaft (Schatz im weiteren Sinn, auch Urkunden) des Markgrafen Leopold II. aufbewahrt wurden134) —, eine Aufzeichnung über eine Vereinbarung zwischen dem Markgrafen Adalbert (| 1055) und dem Bischof Berengar von Passau (1019-1045) über Naturalleistungen gefunden, die an den Bischof bzw. seinen Archipresbyter zu entrichten waren, jeweils zwei Jahre lang an den Archipresbyter, im dritten Jahr an den Bischof, — also allem Anschein nach eine Verständigung über die Aufteilung von Zehentleistungen135). Markgraf Leopold II. hat eine Zeitlang die Garser Burg bewohnt; sie schien sicherer zu sein als Plätze an der Donau während der kaiserfeindlichen Haltung des Markgrafen im Investiturstreit seit 1081, — zudem bot sie eine bessere Ausgangslage zum Kampf gegen die Böhmen, gegen die die „Österreicher“ 1082 bei Mailberg eine vernichtende Niederlage erlitten hatten136). Ob der Markgraf auch in Gars begraben wurde, scheint mir nicht so sicher137); eher ist eine Überführung an einen Ort anzunehmen, wo ein dauernder Gottesdienst durch eine Mönchs- oder Klerikergemeinschaft gewährleistet war. Doch scheint sein Archiv in Gars geblieben zu sein. Die Tatsache, daß die Mitteilung einer St. Pöltner Handschrift entnommen wird, legt ein Interesse dieses Stiftes nahe, dessen Propst vermutlich die Aufgaben des passauischen sein; vielleicht ist der ON auch gar nicht slawisch. Sicher von einem slawischen PN abgeleitet ist aber das südöstl. von Gars gelegene Maiersch (Mirssi, vom PN Mirsa); vgl. HNOB 4 M 29; es wird in Göttweiger Traditionen oft genannt, - dort hatte Waldo (von Grie) Besitz und (aus dessen Erbe?) die Babenberger. 133) Österreichische Nationalbibliothek Wien Handschriftensammlung CVP 2153 (um 1200?) fol. 94 r; BUB 4/1 n. 560; Mitis Studien 86f. 134) Mitis Studien 87 interpretierte die Stelle dahingehend, man habe die Urkunde im Sarg des Markgrafen Leopold II. gefunden; diese Interpretation wurde vielfach übernommen und verteidigt; vgl. Lechner Babenberger 339 Anm. 30. 13s) Es wird festgesetzt die Abgabe von 1 Va Maß Gerste, 3 frissinge (Ferkel), 5 ydrie (Krüge, Maß) Wein oder Met, 10 ydrie Bier, 5 modü (Metzen) Getreide, - Leistungen, die in der Garser Gegend erbracht werden konnten. Über die Dreiteilung des Zehents vgl. unten S. 37ff. 136) Darüber zuletzt Leopold Auer Die Schlacht bei Mailberg (Militärhistorische Schriftenreihe 31, 1976); dazu Rezension in MÖSTA 30 (1977) 495-499. Nach Jans Enikels Fürstenbuch soll Leopold II. die Garser Burg zu seiner Residenz gemacht haben, während sein (sonst nicht nachweisbarer) Bruder Albrecht auf Pemegg residiert habe (ed. Phüipp Strauch in MG Dt. Chr. 3/2 602f v. 165-206). 137) Sicher nimmt die Beisetzung in Gars an: Lechner Babenberger 116 mit 338f; dazu auch Johann Jungwirth Fortschritte (wie Anm. 94) 84; vgl. 88 J-L, wo von nicht identifizierbaren männlichen Skelettresten die Rede ist.