Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)
KLEINMANN, Hans-Otto: Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten
Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten 213 ab sogenannte „Generalinspektoren für Handelsangelegenheiten“ nach Mexiko, Kolumbien, Peru, Chile und Buenos Aires zu entsenden und die Handelsflagge lateinamerikanischer Staaten in Frankreichs Seehäfen zuzulassen124). Fast gleichzeitig beschritt auch Preußen mit Billigung König Friedrich Wilhelms III. „den Weg zur De-facto-Anerkennung der nach dem Willen der Heiligen Allianz ,nicht-existenten1, weil ,illegitimen“ Staatenwelt Spa- nisch-Amerikas“12s). Vor allem drei Gründe sind für diese politische Kursänderung ausschlaggebend gewesen, die von den schon durch die bürgerlich-unternehmerische und industrielle Dynamik erfaßten Kontinentalmächten in der „Kolonialfrage“ vollzogen wurde: erstens der Konkurrenzkampf gegen die britische Vormachtstellung in Lateinamerika, die sich auf eine fortgeschrittenere Entfaltung des industriellen Kapitalismus sowie auf die erdrückende Überlegenheit der Handels- und Kriegsmarine stützte; zweitens die allmählich spürbar werdende staatliche Konsolidierung der neuen amerikanischen Republiken, deren politische Verhältnisse zu Ende der zwanziger Jahre, nachdem auch die letzten spanischen Truppen nach Europa zurückgekehrt waren, jedem Zeitgenossen die Erkenntnis auf drängten, daß die „Freiheit Amerikas als factisch gegründet“ zu gelten hatte, „wenn sie auch noch nicht formell von dem Mutterlande anerkannt ist“, wie Heeren bezeugt126); drittens die Auswirkungen der akuten Handelskrise und Börsenpanik von 1825/26 mit ihren Begleiterscheinungen, den Kursverlusten und Insolvenzen, die besonders auch für die noch junge gewerbliche Wirtschaft des Kontinents eine ausgebreitete Absatzstockung mit sich brachten und den Handels- sowie Erzeugersektor dazu nötigte, die Regierungen um staatliche Hüfsaktionen zur Außenhandelsförderung in Form vorteilhafter kommerzieller Vertrags Verbindungen und konsularischer Vertretungen anzugehen, um dadurch Marktchancen und kompensierende Einflußmöglichkeiten in Übersee zu erhalten. Für Frankreich und Preußen sowie andere Staaten des Deutschen Bundes wurden solche Aktivitäten in Richtung auf die Anerkennung der amerikanischen Staaten allerdings dadurch beträchtlich erschwert, daß sie unter den gestrengen Blicken der Kabinette Rußlands und Österreichs eingeleitet werden mußten, die in der internationalen Politik als energische Wortführer und keineswegs selbstlose Verteidiger der Legitimitäts-Ideologie und des monarchischen Prinzips auf traten und sich, wie Temperley sarkastisch bemerkt127), ,den Luxus einer politischen Theorie leisten konnten“, weil bei ihnen die ökonomische Dynamik zu schwach, die Verkehrs- und Austauschbeziehungen mit der Neuen Welt insgesamt und damit auch das Konkurrenzmotiv zu unbedeutend waren, um eine Änderung oder Auflockerung der traditionellen 124) Ebenda 386. 125) Kossok lm Schatten der Heiligen Allianz 167. 126) Hermann Ludwig Heeren Handbuch der Geschichte des europäischen Staatensystems und seiner Colonien 2. Teil (Göttingen 51830) 389. 127) Temperley The Foreign Policy of Canning 162.