Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

KLEINMANN, Hans-Otto: Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten

Staaten und Handelsmächte wie die Niederlande, Schweden, die Hansestädte u. a., doch auch Frankreich - das wußten die südamerikanischen Regierun­gen sehr genau - begannen unter dem Eindruck der nordamerikanischen An­erkennungspolitik und einer immer erdrückender werdenden „semi-offiziel­len“ Präsenz englischer Handelsagenten, Firmen und Funktionäre mit konsu­larischen Befugnissen um ihre Marktanteüe zu fürchten, die sie sich während der Kolonialzeit im Handel über das Mutterland oder durch Schmuggel von den westindischen Inseln aus erworben hatten. Bei einer Weiterführung der restriktiven Nichtanerkennungspolitik des europäischen Konzerts gegenüber den lateinamerikanischen Staaten war die Entwicklung einer fast monopoli­stischen Marktstellung Englands und der USA in Lateinamerika vorauszuse­hen, was für die anderen europäischen Mächte nicht nur eine ungemeine Wettbewerbsverschärfung, sondern geradezu eine Verdrängung von diesem für den Absatz einheimischer Manufakturwaren und den direkten Bezug ko­lonialer Produkte wichtigen und vielversprechenden Markt bedeutet hätte. Die Situation schien sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1822 noch eindeu­tiger in dieser Richtung zu entwickeln, als auch Brasilien, das aufgrund sei­ner Bevölkerungszahl und der Vielfalt seines Angebots an Rohstoffen sowie kolonialen Nahrungs- und Genußmitteln, vor allem jedoch wegen seiner rela­tiv stabilen politischen Ordnung der volkswirtschaftlich stärkste Partner des europäischen Handels in Lateinamerika war, den Weg zur politischen Unab­hängigkeit beschritt. Die Emanzipation von Portugal wurde durch den Prinz­regenten am 6. August 1822 in einer Proklamation angekündigt, die an alle „legitimen Regierungen und zivilisierten und freien Nationen“ gerichtet war und die Aufforderung enthielt, die staatliche Selbständigkeit Brasiliens an­zuerkennen 107). Diese vom amerikanischen Doppelkontinent ausgehenden weltpolitischen Impulse trafen auf wachsende Spannungen im europäischen Mächtesystem und lösten dort Reaktionen aus, die allenthalben die Interessengegensätze hervortreten ließen. Der kollektiven Nichtanerkennungspolitik wurde der Boden entzogen, die „lange Leine“ wurde gekappt, an der bislang immer noch Englands Beziehungen zu Amerika im Bannkreis der monarchisch-kon­servativen Solidarität gehalten wurden. Schon Castlereagh hatte damit ange­fangen, die Außenpolitik der Insel in dieser neuen Richtung zu steuern; sein Nachfolger Canning vollzog die Kursänderung und enthüllte dabei rück­sichtslos die Dimensionen der britischen Sonderinteressen. Die englische Diplomatie hatte schon sehr bald nach dem Bekanntwerden der nord­amerikanischen Entscheidung für die Anerkennung der lateinamerikanischen Republi­ken damit begonnen, die europäischen Mächte auf eine Änderung der englischen Hal­tung in der „Kolonialfrage“ vorzubereiten. So suchte man sich mit der französischen Regierung im April/Mai 1822 über die Möglichkeit einer bedingten Anerkennung zu Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten 207 ,07) Kossok Im Schatten der Heiligen Allianz 182; vgl. auch Jósé Honório Rodri­gues Independéncia: Revolugäo e Contrarevolugäo. A politica intemacional (Rio de Janeiro 1975) 213ff.

Next

/
Oldalképek
Tartalom