Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

KLEINMANN, Hans-Otto: Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten

Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten 199 ersticken, als in dem konstanten Bestreben, die amerikanischen und die eu­ropäischen Spannungszustände politisch getrennt voneinander zu halten. In dieser Phase war die Auseinandersetzung mit den amerikanischen Emanzipa­tionsbewegungen für Metternich primär eine Sache des spanischen Königs, in zweiter Linie die Englands, in dessen politischer und wirtschaftlicher In­teressensphäre sich der Konflikt abspielte. In der zweiten Phase, die von 1819 bis 1822 währte, erschien es dem Staats­kanzler dann nicht mehr ausreichend, der englischen Amerika-Politik bloß die österreichische Gefolgschaft zuzusichern. Er begann nun den englischen Partner deutlicher über die nachteiligen Konsequenzen aufzuklären, die sich für die Position der Inselmacht gegenüber den Mächten des Kontinents erge­ben könnten, wenn das Londoner Kabinett dem Gedanken einer völkerrecht­lichen Anerkennung südamerikanischer Staaten näher treten würde. Die Frage der Anerkennung bzw. Nichtanerkennung wurde nun von der österrei­chischen Diplomatie immer lebhafter zu einer Sache „ganz Europas“ ge­macht84). Man braucht nicht lange danach zu suchen, was Metternich zu dieser außenpolitischen Kurskorrektur im Frühjahr 1819 veranlaßte. Inzwischen waren jene Anträge bekannt geworden, die der nordamerikanische Staatssekretär John Quincy Adams zu Beginn des Jahres 1819 an die Adresse des Hofes von St. James gerichtet hatte und die darauf abzielten, ein gemeinsames amerikanisch-englisches Vorgehen in der Frage der Aner­kennung von Regierungen und Staaten des spanischen Amerika zu verabreden. Dieser Schritt der Vereinigten Staaten war die unmittelbare Reaktion darauf, daß sie von den Beratungen der Großmächte über die spanischen Kolonien ausgeschlossen bleiben soll­ten; er war ein Versuch, diplomatisch im Spiel zu bleiben, um der Formierung einer geschlossenen europäischen Front entgegenzuarbeiten85). Nach der Unabhängigkeits­erklärung von Buenos Aires, der „Vereinigten Provinzen von Südamerika“, und mit dem Vorwärtskommen der Befreiungsbewegungen in Chile und Peru, zu denen die Washingtoner Regierung durch halboffizielle Agenten Kontakte unterhielt, insbeson­dere aber seitdem Monroe 1817 die Präsidentschaft übernommen hatte, waren die nordamerikanischen Sympathien für die politische Emanzipation der spanischen Ko­lonien kräftig gewachsen. Die nordamerikanischen Handels- und Schiffahrtsinteres­sen86), die sich in expansionistischen Programmen äußerten, fanden während der Wirt­schaftskrise 1818/1819 in der Öffentlichkeit eine erhebliche Resonanz. Die Unionsregierung sah sich von dieser Dynamik zunehmend stärker zu konkreten, auf Lateinamerika gerichteten Aktivitäten gedrängt, deren Auf­takt die völkerrechtliche Anerkennung der am La Plata und im Andenraum entstandenen politischen Zentren bilden sollte. Um das Verhalten der außen­politischen Führung in Washington aber richtig zu beurteilen, muß man be­84) Robert Gordon an Castlereagh, 1819 Februar 11 gedruckt bei Charles K. Web­ster Gran Bretaha y la independencia de la América Latina 1812—1830 2 (Buenos Aires 1944) n. 294/6. 85) Wüliam W. Kaufmann British Policy and the Independence of Latin America 1814-1828 (New Haven, Conn. 1951) 122f; Charles Carroll Griffin The United States and the Disruption of the Spanish Empire 1810-1822 (New York 1937) 184. 86) Vgl. Whitaker The United States and the Independence of Latin America, be­sonders Kapitel 10: The Role of the Navy (1815-1823) 275-316.

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