Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

KLEINMANN, Hans-Otto: Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten

198 Hans-Otto Kleinmann So hatte ein in Asuncion zusammengetretener Kongreß am 17. Mai 1811 be­schlossen, die Unabhängigkeit Paraguays sowohl von Spanien als auch vom Vizekönigreich La Plata zu erklären; die Unabhängigkeit Venezuelas wurde auf einem Kongreß in Caracas am 5. Juli 1811 ausgerufen. Im selben Jahr kam es auch zu den Unabhängigkeitserklärungen von Montevideo und Car­tagena de Indias, zwei Jahre später - am 18. Juli 1813 - schloß sich Bogotá ihrem Beispiel an. Ein Kongreß in Tucumán proklamierte am 9. Juli 1816 die Unabhängigkeit der Vereinigten Provinzen von Südamerika (La Plata). Am 1. Januar 1818 sagte sich Chile formell von der spanischen Krone los. Am 17. Dezember 1819 erfolgte die Gründung der selbständigen Republik Ko­lumbien durch Vereinigung der Provinzen Venezuela, Neu-Granada und Ekuador. Im sogenannten Iguala-Plan wurde am 24. Februar 1821 die Unab­hängigkeit Mexikos proklamiert, und im selben Jahr erklärte sich Peru (28. Juli) unabhängig. Brasiliens Unabhängigkeit begann mit dem „Ruf von Ipiranga“ am 7. September 18 2 2 82). Zu Ende des Jahres 1822 also hatten alle politischen Zentren des mittleren und südlichen Amerika den ersten Schritt zur Erlangung staatlicher Selbständigkeit getan, die förmliche Lossagung vom ehemaligen Herrscher und die feierliche Erklärung ihrer Unabhängig­keit. Die neugegründeten Staaten waren auch nacheinander dazu übergegan­gen, bei den USA und den Regierungen der europäischen Großmächte durch Kontaktaufnahmen jeder Art, durch Agenten und Notifikationsschreiben um die völkerrechtliche Anerkennung ihrer Unabhängigkeit anzusuchen83). Schon während des Kongresses von Aachen im September-November 1818 konnte sich kein führender Staatsmann der Alten wie der Neuen Welt mehr ernstlich der Tatsache verschließen, daß sich zumindest ein großer Teil des südlichen Amerika unaufhaltsam auf dem Weg zur politischen Unabhängig­keit befand und nicht mehr unter die Herrschaftsgewalt der Mutterländer gezwungen werden konnte. Bei der diplomatischen Behandlung der Anerkennungsfrage durch die öster­reichische Regierung lassen sich demnach zwei Phasen deutlich unterschei­den: die erste von 1815 bis 1819, in der man angesichts der revolutionären Vorgänge im spanischen Amerika eine Politik rückhaltlosen Zusammenge­hens mit England betrieb, wenn auch noch weniger mit der Zielsetzung, je­den Ansatz zu einer Anerkennung der neuen staatlichen Gebüde im Keim zu Spanish American Revolutions in Hispanic American Historical Review 36 (1956) 81-93. 82) Der Überlieferung nach soll der Prinzregent bei dem Ort Ipiranga vor Saö Paulo die Depeschen mit den Nachrichten über die restriktiven Maßnahmen der por­tugiesischen Cortes in bezug auf Brasüien erhalten haben und darüber empört in den Ruf „Unabhängigkeit oder Tod“ ausgebrochen sein. 83) Über die einzelnen Kontaktaufnahmen vgl. man auch Arthur P. Whitaker The United States and the Independence of Latin America 1800—1830 (New York 1964) 151 und 158ff, 232ff, 256ff; William Spencer Robertson France and Latin-American In­dependence (Baltimore 1939) 391ff, 402, 485ff; Ekkehard Völkl Russland und Lateinamerika 1741—1841 (Wiesbaden 1968) 188ff.

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