Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

KLEINMANN, Hans-Otto: Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten

Die österreichische Diplomatie und die Anerkennung der amerikanischen Staaten 197 vollziehen war und dadurch in der Staatenpraxis die Chance bot, mit der qualifizierenden „Einordnung“ des neuen Gebildes in das tradierte, auf ge­meinsamen Wertvorstellungen und Normen beruhende internationale System bestimmte Bedingungen in bezug auf die Regierungsform zu verknüpfen. Die politische Emanzipation Lateinamerikas, aber auch Griechenlands und Belgiens sowie die Regierungsantritte Isabellas II. von Spanien (1833) und des Bürgerkönigs Philipp (1830) stellten diese Politik auf die Probe. Insbe­sondere die revolutionäre Entstehung selbständiger Staaten im mittleren und südlichen Amerika, die das Besitzrecht des „legitimen“ spanischen Königs verletzte, vor allem aber ihre fast ausschließlich republikanische Verfas­sungsstruktur, die das monarchische Prinzip negierte, bedeuteten eine grund­sätzliche Herausforderung des Ordnungssystems der Alten Welt. In der Kon­frontation zwischen der Ordnung der europäischen Staatengemeinschaft und der neuen Welt unabhängiger, politisch-gesellschaftlich heterogen gestalteter amerikanischer Staaten fiel die Entscheidung über Form, Inhalt und Sinn der völkerrechtlichen Anerkennung als einer Institution des modernen Völ­kerrechts. Die Anerkennung der neuen Staaten wurde in dem Maße zu einer „Hauptak­tion“ der internationalen Politik, wie die revolutionären Befreiungskämpfe in den spanischen Kolonien Fortschritte machten und durchschlagende Erfolge erzielten. Unmittelbar ausgelöst wurden die Unabhängigkeitsrevolutionen in Süd- und Mittelamerika durch die „iberische Systemkrise“79), die in der von Napoleon erzwungenen Abdankung der spanischen Bourbonen, in der Ein­setzung des Napoleon-Bruders Joseph als Rey de las Espanas y Indias und in der Flucht des portugiesischen Hofes nach Brasilien vor aller Augen auf­brach. Am Anfang der hispanoamerikanischen Unabhängigkeitsbestrebungen standen Loyalitätsaktionen zur Wahrung des Kronrechts Ferdinands VII., die sich auf die Lehren der Volkssouveränität und des Herrschaftsvertrages gründeten80), wonach die Herrschaftsgewalt an die Gesamtheit, an den Ge­meinschaftskörper des Volkes zurückfalle, wenn dem erbdynastisch-legiti- men König - aus welchem Grund auch immer — die Herrschaftsausübung unmöglich wurde. In vielen Regionen des spanischen Amerika hatten so wäh­rend der Jahre 1808-1810 lokale Juntas, Cabildos oder eigens einberufene Kongresse anstelle der von Spanien abhängigen politischen Instanzen die Regierung übernommen und damit die völlige Loslösung der Kolonien vom Mutterland eingeleitet81). 79) Manfred Kossok - Jürgen Kübler - Max Zeuske Ein Versuch zur Dialektik von Revolution und Reform in der historischen Entwicklung Lateinamerikas (1809-1917) in Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte 1500-1917, hg. von Manfred Kossok (Berlin 1974) 161. 80) Vgl. Richard Konetzke Die Revolution und die Unabhängigkeitskämpfe in La­teinamerika in Historia Mundi 9 (1960) 379. 81) Ein guter Überblick: John Lynch The Spanish-American Revolutions 1808-1826 (New York 1973); ferner R. A. Humphreys The Historiography of the

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