Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

AULINGER, Rosemarie: Kundschafterberichte über den Aufmarsch der Türken am Balkan 1532. Meldungen an den Reichstag

170 Rosemarie Aulinger der Reichsstände haben sie gewirkt und damit den vom Kaiser erhofften Zweck erfüllt. Vor allem bei Hessen und Sachsen lassen sich die direkten Einflüsse der Kundschaften auf Bewüligung und Ausrüstung eines Heeres nachweisen. Zunächst hatten sich die Protestanten bekanntlich darauf geei­nigt, daß man dem Kaiser erst dann die gewünschten Hilfstruppen zur Ver­fügung stellen werde, wenn dieser einem dauerhaften Religionsfrieden zuge­stimmt habe. Aber die Zeit arbeitete doch ein bißchen gegen die Protestan­ten: Immer häufiger und bedrohlicher wurden die Schilderungen über das Vordringen der Türken und die neuerlichen Verwüstungen in Ungarn; er­schreckend war aber auch der geplante Angriff Grittis und Zápolyas auf Mähren, von wo aus nur noch ein Katzensprung bis zu den sächsischen Kur­landen war. Ohne eine schlagkräftige böhmische Abwehr (35.000 Mann wa­ren Ferdinand bewilligt) war sogar Sachsen den Feinden ausgeliefert, zumal die Akindschi auf ihren raschen Vorstößen bis tief ins Landesinnere Vordrin­gen konnten, die Nachschubbasen zerstörten und die Bevölkerung des Hin­terlandes in Mitleidenschaft zogen. Aus diesen Erwägungen heraus willigte Kurfürst Johann von Sachsen ein, ohne kaiserliche Gegenleistung eine Truppe auszurüsten, und überzeugte auch seine Bundesgenossen von der Notwendigkeit des Reichsheeres104); noch bevor man davon den Kaiser offi­ziell in Kenntnis setzte, begannen bereits in Sachsen und Hessen umfangrei­che Musterungen. Man konnte und wollte sich nicht mehr ausschließen, da Süleyman bereits mit seinen Truppen in Belgrad eingetroffen war und man daher die Gefahr nicht mehr länger leugnen konnte. Die kaisertreuen - pro­testantischen — Reichsstädte Augsburg und Nürnberg waren mit gutem Bei­spiel vorangegangen. Das Wichtigste war - wie das Ergebnis zustande kam, danach wurde nach­träglich nicht mehr gefragt -, daß die Reichsstände ein großes Heer bewüligt hatten und sich bis zum 15. August in der Nähe von Wien versammeln woll­ten, um den Feind zu erwarten. Dieses ansehnliche Heer und die Einigkeit der Reichsstände dürften Süleyman schließlich bewogen haben, nicht bis nach Wien vorzurücken, sondern nach dem Abbruch der Belagerung von Güns10S) über Graz wieder nach Belgrad und Konstantinopel zurückzukeh­ren. Hessen von 1532 Juni 9), fol. 50r-51r (1532 Juni 16); Staatsarchiv Weimar Reg. E fol. 44 n. 92 (unfol. Bericht der Gesandten Planitz und Taubenheim an Kurfürst Jo­hann von Sachsen von 1532 Juni 4); Stadtarchiv Ulm A 1204 fol. 139r-140v mit bei­liegenden Berichten aus der Türkei bzw. aus Ragusa, ebenda fol. 143r-145v (Schrei­ben der Ulmer Gesandten Georg Besserer und Hieronymus Schleicher aus Schweinfurt von 1532 März 31). Zu den Versuchen, die Türkenhilfe zu vereiteln, vgl. u. a. Ture- tschek Die Türkenpolitik 296-305. 104) Winckelmann Der Schmalkaldische Bund 238f. 105) Nikolaus Juricié verteidigte Güns heldenhaft; als er sah, daß weiterer Wider­stand vergebens war, verhandelte er mit Ibrahim Pascha bezüglich der Übergabe. Diese wurde zwar offiziell dem Sultan gemeldet - auf einer in die Mauer der Stadt ge­schlagene Bresche wurde eine blutrote türkische Fahne mit Koranzitaten gehißt -, aber nicht endgültig vollzogen, da sich Süleyman mit der Aufrichtung der Fahne begnügte

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