Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 34. (1981)

RILL, Gerhard: Die Hannart-Affäre. Eine Vertrauenskrise in der Casa de Austria 1524

Die Hannart-Affäre 135 kretär Jean Lalemand, Herr von Bouclans, seines Postens enthoben und spä­ter zu erheblichen Geldstrafen verurteilt. Die der Entlassung vorausgegange­nen und noch jahrelang fortgeführten Untersuchungen sind aus drei Grün­den für unser Thema von Interesse: Erstens war Lalemand seit etwa 1523 Salinas* und damit Ferdinands Vertrauensmann am Kaiserhof; zweitens wurden ihm Delikte nachgewiesen, die prinzipiell mit der Hannart-Affäre zu tim haben könnten; schließlich ergibt sich die Möglichkeit, aus einem Passus der Anklageschrift direkte Beziehungen zu unserer Instruktion zu folgern. Lalemand, der seine Karriere bei der Statthalterin der Niederlande begann und erst 1517 nach Spanien kam, war eine Entdeckung Gattinaras. Ihm ver­dankte er seinen steilen Aufstieg: 1520 wurde er Mitglied des niederländi­schen Conseil privé, 1522 erster Sekretär dieses Gremiums, 1523 Stellvertre­ter Hannarts in der Kanzleileitung, 1524 Staatssekretär221). Gattinara war es auch, der Lalemand und Salinas zusammenführte. Wir ha­ben gehört, daß Hannart von seinem anfänglichen Engagement für die Inter­essen Ferdinands bald abschwenkte, da ihm die Erkenntlichkeit des Erzher­zogs nicht angemessen erschien. Im August 1522 erteilte Gattinara Salinas den Rat, in Zukunft seine Anliegen „por mano“ Lalemands erledigen zu las­sen222). Ein Vierteljahr später fühlte der rührige Vertreter Ferdinands beim Kaiser vor, indem er darüber klagte, daß die Ursache für die imbefriedigende Kooperation zwischen kaiserlicher und österreichischer Regierung in der schlechten Erledigung durch Hannart zu suchen sei („la causa dello era el mal despacho que de Annart yo recibia“). Um in Zukunft diese Nachlässig­keit auszuschalten, trage sich Salinas mit der von Ferdinand bereits gebillig- ten Absicht, einen anderen Sekretär mit der Vertretung der Interessen des Erzherzogs am Kaiserhof zu beauftragen. Karl erklärte sich damit einver­standen223), und der neue Kontaktstrang Salamanca - Salinas - Lalemand - Gattinara scheint gut funktioniert zu haben. Lalemand vertrat nicht nur Sa- lamancas Anliegen224), er suchte seinen Einfluß auch in Fragen von weitrei­chender Bedeutung - in jener des römischen Königtums, des Herzogtums Mailand und des Salzmonopols für Mailand225) — geltend zu machen. Sahnas sah in ihm jedenfalls den für ihn wichtigsten Mann in Spanien226) und emp­fahl Ferdinand noch nach dem Prozeß eine Intervention für den seiner Mei­nung nach ungerecht Verurteilten227). Allerdings kam Lalemand den Erzherzog nicht gerade billig. Er wartete nicht erst ab, was man ihm für seine Bemühungen offerieren würde, sondern hatte von Anfang an konkrete Vorstellungen. Als ihn Ferdinand in den Genuß einer jährlichen Pfründe set­zen wollte, erklärte Lalemand, er ästimiere dieses Angebot zwar und glaube auch, es 221) Daten nach Walser-Wohlfeil Zentralbehörden 245 mit Literatur. 222) Salinas an Salamanca, 1522 August 10: Rodriguez Villa Carlos V 58. 223) Salinas an Salamanca, 1522 November 4: ebenda 74. 224) Salinas an Salamanca, 1524 Oktober 4: ebenda 227f. 225) Ebenda 374ff. 226) Ebenda 374. 227) Ebenda 436.

Next

/
Oldalképek
Tartalom