Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“
514 Gottfried Mraz ca“, daß „tutti i membri correligionari dei delinquente“ für diese Tat verantwortlich gemacht würden59). Kurz vor seinem Ableben beschäftigte sich Enrico Rosa nochmals eingehend mit der Situation in Deutschland60), veranlaßt durch einen Artikel des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels in der nazionalsozialistischen Zeitschrift Unser Wille und Weg zur Konkordatsfrage in Deutschland61). Rosa stellte die Frage, ob überhaupt noch von einer dem Konkordat einigermaßen entsprechenden Lage die Rede sein könne oder ob man nicht schon von einer offenen Kirchenverfolgung im Deutschen Reich sprechen müsse. Nach wie vor wurde das Reichskonkordat positiv bewertet, selbst wenn sein einziger Zweck nur mehr darin bestehe, die fortwährenden Verletzungen als Bruch internationalen Rechtes zu entlarven. Goebbels’ Versuch, das Reichskonkordat, die Länderkonkordate und dasjenige mit Österreich de facto ihrer Wirksamkeit zu entkleiden62), ließ Rosa zur Schlußfolgerung kommen, daß sich die Nationalsozialisten in gleicher Weise wie die Kommunisten über international eingegangene Verpflichtungen und naturrechtliche Normen hinwegsetzten. Die pseudojuristischen Darlegungen von Goebbels würden nur zeigen, daß für den Nationalsozialismus das allein rechtens sei, was den angeblichen Interessen des Staates diene63). Rosa führte als Beispiel die Entwicklung in Österreich an. In den Ausschreitungen gegen den Wiener Kardinal sah er ein Symptom, das die wahre Einstellung des Nationalsozialismus gegenüber der Kirche enthüllte64). Der Versuch, die Kirche selbst für die Verfolgung verantwortlich zu machen, zeige, so schrieb Rosa, die Verlogenheit dieses Systems. Diese Infamie finde ihren Höhepunkt in Goebbels’ frecher Behauptung, die Kirche habe der Reichsregierung ihre nachsichtige Großzügigkeit schlecht gedankt65). Wenn der Reichspropagandaminister, so fuhr Rosa fort, der die Tatsache der Konkordatsverletzungen nicht leugnen könne, polemisch auf die prekäre Lage der Kirche in Frankreich hinweise und die Presse dieses Landes des Pharisäertums beschuldige, dann falle dieser Vorwurf auf Deutschland zurück, denn das freimaurerische Frankreich habe nicht ein Konkordat mit der Absicht unterzeichnet, es nicht einhalten zu wollen, wie dies das Deutsche 59) CC 1938-IV 476-478. 60) Enrico Rosa Condizione concordataria o persecuzione in Germania in CC 1938-IV 305-318. 61) Joseph Goebbels Zur Konkordatslage in Deutschland in Unser Wille und Weg (1938) 298-300. 62) CC 1938-IV 305 f. 63) Rosa schreibt wörtlich zu den Ausführungen des Reichspropagandaministers: „L’arbitrio anzi, nella supposizione pseudogiuridica del Goebbels, sarebbe legittimato ogni quel volta apparisse confacevole ágii interessi veri, o supposti, del Reich; giacché questo é, per i nazisti tedeschi, l’unico fondamento del diritto e della legge: l’utilitä od opportunitä dello Stato. Se questa cessa, decade senz’altro qualsiasi contratto, anche il piü sacro e bilaterale“ (CC 1938-IV 312). M) CC 1938-IV 312. 65) CC 1938-IV 313.