Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“

Beurteilung des Nationalsozialismus durch die „Civiltä Cattolica“ 513 Rassenlehre von Rudolf Lämmel54). Sie dürfte von Enrico Rosa stammen, da er diese Besprechung in dem eben behandelten Artikel über die Auswirkun­gen des Nationalsozialismus in Österreich angekündigt hatte55). Die Rezension wies darauf hin, daß die Verteidigung der Juden zentrales An­liegen Lämmels sei, und sprach die Vermutung aus, daß der Autor wohl selbst jüdischer Abstammung sei56). In völliger Ahnungslosigkeit dessen, was tatsächlich der Nationalsozialismus während der Jahre des Zweiten Welt­krieges über das jüdische Volk bringen sollte, pflichtete die Civiltä Cattolica Lämmels Ansichten bei, daß Judenhaß und antisemitisches Zelotentum nicht dazu führen dürfe und könne, dieses Volk auszurotten. Es gäbe nicht soviele Henker, die dazu bereit wären, denn kein zivilisierter Mensch, schon gar nicht ein Christ, könne eine solche Lösung überhaupt ins Auge fassen: „Ma quäl uomo civile, nonché cristiano, puö auspicare e promuovere una consi­mile soluzione dei complesso problema?“57). In der Rezension wurde allerdings die Kritik laut, daß Lämmel mit keinem Wort die Verfolgungen der Christen durch die Juden erwähne. Im besonderen erschien die katholische Kirche als Opfer von Machenschaften, die die Juden im Verein mit Freimaurern, Sozialisten und anderen antichristlichen Kräften ins Werk gesetzt hätten. Lämmels Meinung, daß es einem moralischen Verrat gleichkäme, wenn sich die Christen nicht um das Schicksal des jüdischen Volkes kümmerten, wurde als Übertreibung abgetan. In diesem Zusammen­hang bediente sich der Rezensent des alten, scheintheologischen Arguments, daß die Juden die gerechtfertigte Abneigung der christlichen Völker erfüh­ren, da sie durch Jahrhunderte hindurch gleichsam den Ruf ihrer Väter: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt. 27, 25) wiederholt hät­ten. Dem stehe das Gebet der Kirche gegenüber, die Gott bitte, daß dieses Blut für die Juden zum Bad der Erlösung werde58). Erst in der Reaktion auf die Ereignisse der Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938, der an­geblich spontanen Folge auf die Ermordung des deutschen Botschaftsrates in Paris, vom Rath, und auf die Maßnahmen der Reichsregierung gegen die Ju­den fand die Civiltä Cattolica den Weg zur kategorischen Ablehnung des Kollektivschuldgedankens; es könne nicht angehen, so hieß es in der „Crona­54) Die Rezension trägt den Titel: La ,teória moderna delle razze‘ impugnata da un acattolico in CC 1938-III 62-71. Besprochen wird das Buch von Rudolf Lämmel Die menschlichen Rassen. Eine populärwissenschaftliche Einführung in die Grundprobleme der Rassentheorie (Zürich 1936). 55) CC 1938-11 407 Anm. 1. 56) CC 1938-III 67. 57) CC 1938-III 68. 5S) In der Rezension heißt es über den sogenannten Haß der Juden gegen die Chri­sten: „Né si puö dimenticare che gli ebrei medesimi hanno richiamato in ogni tempo e richiamano tuttora su di sé le giuste avversioni dei popoli coi loro soprusi troppo fre­quenti e con l’odio loro verso Cristo medesimo, la sua religione e la sua Chiesa cattoli­ca, quasi continuando quel grido dei loro padri che imprecava al sangue dei Giusto e del Santo, la speranza e aspettazione di Israele . . .“ (CC 1938-III 68). Mitteilungen, Band 31 33

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