Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“

508 Gottfried Mraz Hatte schon Antonio Messineo im Jahre 1934 unmißverständliche Kritik am Nationalsozialismus geübt, so fiel ihm auch jetzt die Aufgabe zu, den Kom­mentar zum päpstlichen Rundschreiben zu verfassen, dem er den Titel La via dolorosa della Chiesa in Germania gab27). Die Idee, den Nationalsozia­lismus als möglichen Bündnispartner im Kampf gegen den Bolschewismus zu gewinnen, hatte sich endgültig als Phantom entpuppt, daher setzte Messineo beide Bewegungen als Feinde der Kirche und der europäisch-christlichen Kultur gleich: „II materialismo ateo delTintemazionale rossa e il neopaganesimo del nazismo bruno operano oggi in stretta alleanza alia distruzione sistematica della civiltä cristiana ed europea, nutrendo ed alimentando nei loro aderenti un odio implacabile contro la Chiesa“ 28). II Die Civiltä Cattolica setzte sich in der „Cronaca“ bis zuletzt nachdrücklich für die Erhaltung der österreichischen Unabhängigkeit ein, ein getreues Spiegelbild der vatikanischen Politik29). Ihre Hoffnungen ruhten auf dem Interesse Italiens an Österreich. So betonte sie im Bericht über das deutsch-österreichische Juliabkommen 1936, daß es an den Beziehungen zwischen Italien und dem Alpenstaat nichts ändere und daß Mussolini seine Genugtuung über den Abschluß geäußert habe. Sie ver­wies aber auch auf die zwiespältigen Reaktionen der ausländischen Presse, die das Juliabkommen einerseits als Beitrag zur Sicherung des europäischen Friedens betrachteten, andererseits jedoch darin eine Bestätigung der Annäherung Italiens an Deutschland erblickten30). Noch in ihren Berichten über das Treffen Hitlers mit Schuschnigg in Berch­tesgaden (12. und 13. Februar 1938) hoffte die Civiltä Cattolica auf die Er­haltung eines selbständigen Österreich. Sie schien an eine diesbezügliche gemeinsame Intervention Frankreichs und Englands bei der deutschen Reichsregierung zu glauben und vertraute auf eine die staatliche Unabhän­gigkeit Österreichs schützende Interpretation des Berchtesgadener Abkom­mens durch Italien31). Den Ausführungen der französisch-britischen Presse, die das Übereinkommen bereits als einen „passo compiuto verso il deprecato Anschluss“ bezeichneten, stellte die „Cronaca“ die Erklärungen Schu­schniggs anläßlich der Regierungsumbildung am 24. Februar entgegen, in de­nen der österreichische Kanzler betont hatte, daß durch das Abkommen die „piena sovranitä dello Stato Federale austriaco“ anerkannt werde32). 27) CC 1937-11 217-230. Vgl. Mraz Kirche 271-276. 2S) CC 1937-n 217. 29) Vgl. Engel-Janosi Vom Chaos zur Katastrophe 191—193. 30) CC 1936-in 250 f. 31) CC 1938-1 473-475. 32) CC 1938-1 568.

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