Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Gottfried MRAZ: Die Bedeutung des „Anschlusses“ für die Beurteilung des Nationalsozialismus durch die römische Jesuitenzeitschrift „Civiltä Cattolica“
DIE BEDEUTUNG DES „ANSCHLUSSES“ FÜR DIE BEURTEILUNG DES NATIONALSOZIALISMUS DURCH DIE RÖMISCHE JESUITENZEITSCHRIFT „CIVILTÁ CATTOLICA“*) Von Gottfried Mraz Arturo Carlo Jemolo, einer der besten Kenner der Kirchengeschichte Italiens im 19. und 20. Jahrhundert, nannte die von römischen Jesuiten redigierte Zeitschrift Civiltä Cattolica eine Interpretin der jeweiligen Intentionen des Heiligen Stuhles: ,,I1 periodico [d. i. die Civiltä Cattolica] ha sempre cercato d’interpretare il pensiero del Papa regnante“1). Diese für die Beurteilung der Wichtigkeit dieser Zeitschrift so signifikante Aussage findet eine uneingeschränkte Bestätigung in der neueren italienischen Historiographie. Publikationen divergierendster Richtungen von Luigi Salvatorelli und Giuseppe Mira bis Gaetano Salvemini und Antonio Gramsci billigen dieser Jesuitenzeitschrift neben dem Osservatore Romano eine wesentliche Rolle als Quelle für das Verständnis der vatikanischen Haltung zu den weltanschaulich und gesellschaftspolitisch aktuellen Fragen zu2). Die ersten Pläne zur Gründung einer von Jesuiten in Italien geleiteten, periodisch erscheinenden Zeitschrift reichen noch in die Zeit vor der Revolution von 1848 zurück3). Diese ganz Europa erschütternden Ereignisse von 1848 und 1849 bewogen letztendlich Pius IX., sich autoritativ für die Realisierung des Projektes einzusetzen. Das erste Heft erschien im Frühjahr 1850 in Neapel; die neue Zeitschrift fand bald weite Verbreitung und erreichte noch Ende 1850 eine Zahl von 7.433 Abonnenten4). Pius IX. charakterisierte im Jahre 1852 in einem Brief an die Redaktion den Aufgabenbereich des neuen Presseorgans in der entschlossenen und wohlbedachten Zurückweisung der modernen Irrtümer, wenn er unter anderem aus*) Der Aufsatz ist die überarbeitete Fassung des Abschnittes B/III/c aus der Dissertation Kirche zwischen Davidstem und Hakenkreuz, Judenfrage und Nationalsozialismus im Lichte der Civiltä Cattolica 1919-1939, die vom Verfasser 1974 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien eingereicht wurde. *) Arturo Carlo Jemolo Chiesa e Stato in Italia negli ultimi cento anni (Torino 41955) 190. 2) Mraz Kirche XII. 3) Eine detaillierte Darstellung der Anfänge der Jesuitenzéitschrift geben die Aufsätze von Gabriele de Rosa in der Zeitschrift Rassegna di Politica e Storia aus den Jahren 1963 und 1964 und die Einleitung zur vierbändigen Auswahl von Aufsätzen aus der Civiltä Cattolica, erschienen im Jahre 1971. Vgl. dazu das Literaturverzeichnis bei Mraz Kirche 388. 4) Ebenda Vif.