Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter
Österreich, Italien und der abessinische Krieg 501 „Die italienische Regierung wird im Rahmen der Möglichkeit den Wünschen der österreichischen und der ungarischen Regierung nach Beteiligung ihrer Volkswirtschaft, ihrer technischen Elemente und ihrer spezialisierten Arbeitskräfte an der wirtschaftlichen Ausbeutung Abessiniens gebührend Rechnung tragen“51). In seiner Eigenschaft als Bundesführer des „österreichischen Heimatschutzes“ hatte Starhemberg nach dem Fall von Addis Abeba an den italienischen Ministerpräsidenten ein Glückwunschtelegramm gesandt, in dem es hieß: „Im Bewußtsein faschistischer Verbundenheit an dem Schicksal des faschistischen Italien innigen Anteil nehmend, beglückwünsche ich im Namen der für den faschistischen Gedanken in Österreich Kämpfenden und im eigenen Namen Euer Exzellenz aus ganzem Herzen zu dem ruhmvollen und herrlichen Sieg der italienisch-faschistischen Waffen über die Barbarei, zu dem Sieg des faschistischen Geistes über demokratische Unehrlichkeit und Heuchelei und dem Sieg der faschistischen opferfreudigen und disziplinierten Entschlossenheit über demagogische Verlogenheit. Es lebe der zielbewußte Führer des siegreichen faschistischen Italien! Es lebe der Sieg des faschistischen Gedankens in der Welt!“52) Schuschnigg mißbilligte bei dieser Gelegenheit ausdrücklich Starhembergs Einstellung zur Gewalt53), und der Vizekanzler schied aus der Regierung. Wie weit das Telegramm Starhembergs an Mussolini anläßlich des Abessiniensieges dabei eine wesentliche Rolle gespielt hat, läßt sich schwer aus den Akten erkennen54); es könnte immerhin einen Mitgrund für den Rücktritt dargestellt haben. So hätte noch das abgeschlossene Abessinienunternehmen über die ostafrikanischen und selbst italienischen Grenzen hinaus bis in die österreichische Innenpolitik gravierenden Einfluß geübt. Langsam erfolgte nunmehr nach der Niederlage des Kaiserreiches die Anerkennung der Annexion durch die verschiedensten Staaten der Erde. Österreich wurde selbst zwei Jahre später überrollt, ein Randvergleich mit den Ereignissen des Jahres 1935 ist nicht ganz von der Hand zu weisen. 51) HHStA Staatsurkunden der Ersten Republik 1934 März 17 und NP A 558 ZI. 34.143/1937. 52) Wiener Zeitung 1936 Mai 13. 53) Vgl. Starhemberg Between Hitler and Mussolini 234f bzw. Memoiren 257ff. 54) Ludwig Jedlicka Die Auflösung der Wehrverbände und Italien im Jahre 1936 in Das Juliabkommen von 1936. Vorgeschichte, Hintergründe und Folgen (Wissenschaftliche Kommission des Theodor-Körner-Stiftungsfonds und des Leopold-Kun- schak-Preises zur Erforschung der österreichischen Geschichte der Jahre 1927 bis 1938. Veröffentlichungen 4, Wien 1977) 112.