Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Lorenz MIKOLETZKY: Österreich, Italien und der abessinische Krieg 1935/36. Politik, Meldungen und Streiflichter
500 Lorenz Mikoletzky starke Regierung glaubt, daß sie ungestraft ein schwaches Volk vernichten kann, dann hat für dieses schwache Volk die Stunde geschlagen. Ich appelliere an den Völkerbund, in aller Freiheit sein Urteil zu sprechen. Gott und die Geschichte werden sich an sein Urteil erinnern.“ Haile Selassies Appell verhallte; ein Mitgliedstaat nach dem anderen anerkannte die Souveränität Italiens über Äthiopien. Mit der moralischen Autorität des Völkerbundes war es aus - nicht aber mit dem Kampf des Kaisers von Äthiopien47). Dieser wirkte von seinem Londoner Exil aus, in das er, wie betont wurde, inkognito kam, sehr agil. Franckenstein erhielt von seiner Wiener Dienststelle die Anweisung: „Ew. sowie Gesandtschaft haben selbstverständlich jeden Kontakt mit Negus sowie abessinischer Gesandtschaft striktest zu vermeiden“48). Vier Tage nach dem Fall der Hauptstadt Addis Abeba rief Benito Mussolini den italienischen König zum Kaiser von Abessinien aus. Badoglio wurde Vizekönig und die amtliche Bezeichnung der Eroberung lautete von nun an „Africa orientale italiana“. Allenthalben wurden in Italien Kundgebungen und Feierlichkeiten abgehalten. „Die im Festesjubel ob des glücklichen Ausganges der ostafrikanischen Expedition veranstalteten Studentenumzüge haben gestern zu wiederholten Malen zu enthusiastischen Sympathiekundgebungen vor dem österreichischen Konsulate geführt. Ich beehre mich, dieses solenne Ereignis der Gesandtschaft mit der Bitte zu melden, gegebenenfalls die gewiß erfreuliche und für die Wärme der gegenseitigen politischen Beziehungen sprechende Tatsache zur Kenntnis des Bundeskanzleramtes, Auswärtige Angelegenheiten, zu bringen“, schrieb am 7. Mai 1936 der österreichische Honorarkonsul in Venedig, Dr. Giuseppe Calzavara, nach Rom49). Im Juli kam noch einmal eine antiitalienische Regung zutage, als ein Wiener Maschinenbauer namens Johann Braun, „angeregt durch die Herausgabe des ,Weißbuches' der italienischen Regierung über den abessinischen Konflikt, die Idee gefaßt“ hatte, „es könne nun von abessinischer Seite als Erwiderung ein .Blaubuch' herausgegeben werden. Diesbezüglich habe er mit dem abessinischen Honorarkonsul in Wien Rudolf Singer telephonisch Rücksprache gehalten und ihn gefragt, ob er Verbindungen mit dem früheren kaiserlichen Hofe unterhalte. Singer habe ihm aber mitgeteilt, daß er abessinischer Honorarkonsul gewesen sei und nunmehr keinerlei Verbindungen habe.“ Er ging zu dem Verleger Michael Winkler, der die Sache sofort der Polizei anzeigte. Braun war früher Pressechef der „Gloriette“-Automobilgesellschaft gewesen. Er wurde festgenommen, da man ihn wegen Verdachtes des Verbrechens der Veruntreuung suchte. Die Sache verlief im Sande50). Am 12. November 1936 wurde dann auf der Wiener Konferenz der Staaten, die die „Römischen Protokolle“ unterfertigt hatten, folgender Passus in das Vertragswerk aufgenommen: 47) Neubacher Die Festung des Löwen 122. 4S) NPA 558 ZI. 38.991/1936. Vgl. auch ZI. 39.228/1936. 49) Ebenda ZI. 38.673/1936. so) Ebenda ZI. 41.064/1936.