Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas

Paul MECHTLER: Politische Aspekte der österreichisch-italienischen Eisenbahnanschlüsse nach 1918

Aspekte der österr.-italien. Eisenbahnanschlüsse 455 schwerwiegenden politischen Bedenken stets abgelehnt wurde. Österreich schlug die Station Brenner als Wechselbahnhof vor. Da wegen der starren Fronten keine baldige Einigung zu erwarten war, schuf Österreich zunächst eine provisorische Lösung, die in verkehrswirtschaftlicher Hinsicht verschie­dene Nachteile hatte, aber wegen beträchtlicher Unannehmlichkeiten auch für Italien schließlich zur Durchsetzung der österreichischen Ansichten führ­te16). Das Provisorium bestand darin, daß man von Innsbruck bis zu einer neuerrichteten Station Brennersee die elektrische Traktion einführte (Eröff­nung für den öffentlichen Verkehr am 6. Mai 1928). Auf der nur 1,3 km lan­gen Strecke von Brennersee bis Brenner blieb die Dampftraktion bestehen, was hohe Kosten (monatlicher Mehraufwand mindestens 300.000,— S) erfor­derte17). Italien konnte dagegen naturgemäß keinen Einwand erheben, aber die Dampf- und Rauchentwicklung der österreichischen Lokomotiven wirkte sich auf die elektrischen Fahrleitungen in der Station Brenner recht ungün­stig aus. Nach einer längeren Verhandlungspause erklärte sich Italien im Februar 1931 bereit, die Verhandlungen über die Ausgestaltung des Bahnhofes Bren­ner zur Stromwechsel- und Gemeinschaftsstation der Brennerlinie wieder aufzunehmen, die rasch im Sinne österreichischer Vorstellungen abgeschlos­sen werden konnten. Es erwies sich dabei als notwendig, einige kleinere, auf österreichischem Gebiet liegende Grundstücke für die Erweiterung der Sta­tionsanlagen zu beanspruchen. Dieser von der Regel abweichende Vorgang ist durch den Austausch übereinstimmender Noten zwischen dem Bundes­kanzler Dollfuß und dem italienischen Gesandten in Wien völkerrechtlich sanktioniert worden18). Noch vor der feierlichen Einweihung des neuen Bahnhofes Brenner am 11. November 1937 ist am 4. April 1934 der elektri­sche Betrieb von den ÖBB auf der Strecke Brennersee-Brenner aufgenom­men worden19). Der Gemeinschaftsvertrag „Brennero“ ist am 23. Oktober bzw. am 1. November 1937 von den ÖBB und den Italienischen Staatsbahnen ratifiziert worden. Unter anderem war auch die Erledigung von Grenzforma­litäten in fahrenden Zügen vorgesehen, eine Erleichterung des Reiseverkehrs, die in den ersten Nachkriegsjahren und später im Zeichen politischer Span­nungen undenkbar gewesen wäre20). Mit der Pustertallinie mußte sich zwar die österreichische Außenpolitik we­niger beschäftigen, aber wesentliche Fragen konnten auch erst 1937 bereinigt werden. Die Waffenstillstandslinie lag bei Toblach, und noch im November 1918 16) Eine Zusammenfassung des gesamten Verhandlungsablaufes im Vortrag für den Ministerrat 1933 August 16: VA BMfHuV ZI. 41482-18 ex 1933 liegt bei BMfHuV ZI. 44564 ex 1938. 17) VA BMfHuV ZI. 38030-18 ex 1929, liegt bei ZI. 44564 ex 1938. 18) BKA-A ZI. 202990-14, 1933 August 25, liegt bei VA BMfHuV ZI. 47263 ex 1933. 19) Hans Kramer Die Siedlung Brenner seit 1918 in Veröffentlichungen des Museums Ferdinandeum 26-29 (Innsbruck 1946-1949) 537-543. 2°) VA BMfHuV ZI. 35516-18 ex 1938, liegt bei ZI. 44564 ex 1938.

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