Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Paul MECHTLER: Politische Aspekte der österreichisch-italienischen Eisenbahnanschlüsse nach 1918
456 Paul Mechtler wurden Innichen und auch Sillian (mit einem Vorposten bei Strassen zur Sicherung des Lesachtals) von italienischen Truppen besetzt, ohne daß diese, wie in Nordtirol, in die österreichische Verwaltung eingriffen21). In der Denkschrift vom 7. Februar 1919, die Italien der Friedenskonferenz vorlegte, waren in Erweiterung des Londoner Vertrags und des Waffenstillstands auch Ansprüche auf Innichen und das Sextental erhoben worden. Obwohl diese italienische Zusatzforderung von den anderen Alliierten aus strategischen Erwägungen bereits Ende Mai 1919 akzeptiert wurde22), konnten sich Innichen und die Nachbargemeinden noch an den Tiroler Landtagswahlen vom 16. Juli 1919 beteiligen. Ende September ist die Postverwaltung von den Italienern übernommen worden, wahrscheinlich auch der Bahnhof Innichen, dessen Stellung als Übergangsstation in den folgenden Jahren kaum in Frage gestellt wurde23). Bei der Zoll- und Paßabfertigung von italienischer Seite ergaben sich gewisse Schwierigkeiten, da die Südbahngesellschaft und später die ÖBB auf einer 7 km langen Strecke auf italienischem Staatsgebiet den Betrieb führten. Bis zum Jahre 1935 mußten die Züge an der Staatsgrenze an- halten, was angesichts der Steigung in einer Kurve besondere Betriebser- schwemisse mit sich brachte. Italien wollte lange Zeit eine Auflassung der Zugaufenthalte nur bei Gewährung der Weiterfahrt seiner Organe bis Sillian zugestehen, was wieder von der Tiroler Landesregierung abgelehnt wurde24). Mit dem Aufenthalt aller Züge in Vierschach (heute auch in Winnebach) zum Ein- und Aussteigen der italienischen Beamten wurde dieses Problem zufriedenstellend gelöst. Der Abschluß des Gemeinschaftsvertrags „San Candido“ fällt allerdings erst in das Jahr 1937. Bei der Behandlung von Verkehrsfragen zwischen Kärnten und Italien muß auch die Grenznähe Jugoslawiens berücksicht werden. Es ist zum Verständnis der Eisenbahnprobleme nach 1918 notwendig, kurz auf die historische Entwicklung des Eisenbahnwesens in diesem Krisenwinkel dreier Staaten einzugehen. 1873 ist als erste Eisenbahnlinie die Strecke Villach-Tarvis—Ass- ling (heute Jesenice)-Laibach eröffnet worden. 6 Jahre später folgte die Verbindung von Tarvis über Pontafel—Pontebba nach Udine; der italienische Streckenteil war infolge der vielen Kunstbauten eine der teuersten Bahnen Italiens. In den Auseinandersetzungen wegen der Herstellung einer zweiten Eisenbahnverbindung nach Triest spielte das Predilbahnprojekt (Tarvis—Flitsch-Görz) eine besondere Rolle. Bereits 1872 war ein umfangreiches Elaborat über dieses Projekt vorhanden. Im großen Alpenbahnbauprogramm des Ministerpräsidenten Körber (1901) entschied man sich, vorwiegend aus strategischen Erwägungen, für den Bau der Karawankenbahn und Wochei21) Lienzer Nachrichten 1918 November 27. 22) René Albrecht-Carrié Italy at the Paris Peace Conference (Hamden 1966) 96; Federico Curato österr. italienische Beziehungen auf der Pariser Friedenskonferenz in Insbruck-Venedig 135—136. 23) Lienzer Nachrichten 1919 September 27. Über die damalige Situation in Innichen geben Zeitungsmeldungen oft mehr Aufschluß als Akten. 21) VA BMfHuV ZI. 35771 ex 1935.