Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Paul MECHTLER: Politische Aspekte der österreichisch-italienischen Eisenbahnanschlüsse nach 1918
POLITISCHE ASPEKTE DER ÖSTERREICHISCH-ITALIENISCHEN EISENBAHNANSCHLÜSSE NACH 1918 Von Paul Mechtler Neue Übergangsstationen im Eisenbahnverkehr zwischen Österreich und Italien sind nach 1918 auf der Brennerbahn und der Pustertallinie der Südbahngesellschaft sowie auf der Kanaltallinie der Staatsbahnen einvernehmlich festgelegt worden. Dabei waren — wie immer — zwei Fragenkomplexe zu unterscheiden, nämlich die genaue Fixierung der Staatsgrenzen (jeweils bis zu einem Schienenstoß) und Vereinbarungen über die Wechselstation der beiden Bahnverwaltungen, wobei — abgesehen von einer praktisch unvermeidbaren kurzen Betriebsführung auf fremdem Staatsgebiet — der jeweilige Eigentümer der anderen Verwaltung gewisse Rechte einräumen mußte. Eisenbahnfragen spielten in der italienischen Außenpolitik sowohl auf der Friedenskonferenz (Frage von Assling), als auch in den zwanziger Jahren eine gewisse Rolle; Italien konnte jedoch seine recht weit gesteckten Ziele mit einer Ausnahme (Bahnhof Brenner) wegen des zähen österreichischen Widerstandes, besonders in Tirol und Kärnten, nicht erreichen. In Durchführung der Bestimmungen des Waffenstillstandes von Villa Giusti besetzten italienische Truppen am 11. November 1918 den Bahnhof Brenner und setzten die Demarkationslinie auf der Reichsstraße, einwandfrei jenseits der Wasserscheide, am Südufer des Brennersees fest1). In Südtirol wurde bereits am 20. November von den Italienischen Staatsbahnen der öffentliche Zugsverkehr aufgenommen2), hingegen sind erst am 20. Juni 1919 Vereinbarungen über einen Durchgangsverkehr zwischen Nordtirol und Südtirol abgeschlossen worden. Allerdings wurde von den italienischen Militärbehörden, die in Innsbruck wegen der vorübergehenden Besetzung Nordtirols fungierten, der zwischenstaatliche Reiseverkehr möglichst eingeschränkt3). Die Artikel 28-36 des Vertrages von St. Germain setzten die Vorgangsweise bei der Absteckung der neuen Staatsgrenzen fest; die damit beauftragten Grenzregelungsausschüsse hatten weitgehende Vollmachten, da manche Detailfragen und die genaue Fixierung der Grenzen im Gelände oft recht verschieden ausgelegt werden konnten. ') Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien (= HHStA) Neues Politisches Archiv (= NPA) 357 Liasse Österreich 9/VI. 2) Neue Tiroler Stimmen (Innsbruck) 1918 November 24. 3) Hans Kramer Die italienische Besetzung in Innsbruck und Umgebung 1918-1920 in Innsbruck—Venedig. Österreichisch-Italienische Historikertreffen 1971 und 1972, hg. v. Adam Wandruszka und Ludwig Jedlicka (Wien 1975) 161. 29*