Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Otto F. WINTER: Die italienische Kriegsarchivdelegation nach dem Ersten Weltkrieg
448 Otto F. Winter Intoleranz einem Manne gegenüber, den man 1920 als „geschätztesten Mitarbeiter“, „vielbewährte . . . richtunggebende Persönlichkeit . . . mit hochstehenden menschlichen Qualitäten, besonderem Takt . . . und aller Kleinlichkeit abholder Gesinnung“ verabschiedet hatte, spiegelt neben den Ressentiments aus dem Kriege auch einen Neidkomplex innerhalb des überharten Existenzkampfes jener Jahre wider. Es gab allerdings einen konkreten Vorfall, an dem sich die Leidenschaften speziell entzündeten: Zu den von italienischer Seite mit besonderem Nachdruck erhobenen Forderungen gehört die nach den Prozeßakten gegen den wegen eines Attentatsversuchs auf Kaiser Franz Joseph 1882 hingerichteten Triestiner Wilhelm Oberdank (Guglielmo Oberdan), die nach jahrelanger Suche an verschiedenen Stellen im Mai 1923 — angeblich unter Mithilfe von Oberst Veltzé, der als Pensionist ständiger Benützer geblieben war und auch Erhebungen für verschiedene Auftraggeber durchführte — im Kriegsarchiv festgestellt wurden. Nach einem zum Scheitern verurteilten Versuch, alle „kompromittierenden“ Stücke auszuscheiden, wobei der Faszikel auf vier Akten zusammenschrumpfte, kam es zu einer Entlehnung an Salata, der an einer diesbezüglichen Abhandlung arbeitete, und in weiterer Folge zur Auslieferung* 22). Als Veltzé schon im Februar 1924 die Zuerkennung der italienischen Staatsbürgerschaft und die bevorstehende Ernennung zum Archivdelegierten bekanntgab, konnte die Aufregung nur dadurch allmählich besänftigt werden, daß Ministerialrat Bittner als österreichischer Archivbevollmächtigter eine Erklärung abgab, daß Veltzé an der Oberdank-Angelegenheit nicht beteiligt gewesen sei, und mit Nachdruck auf die außenpolitischen Folgen hinwies, wenn das wegen Südtirols ohnedies gespannte Verhältnis Bundeskanzler Seipels zu Italien noch dadurch belastet werde23). Die Akten des Kriegsarchivs lassen jedoch erkennen, daß sich trotz dieses dramatischen Auftakts die weitere Arbeit der Archivdelegierten noch in der ausklingenden Ära Hoen und weiter unter seinem Nachfolger Edmund Glaise-Horstenau sachlich und ohne Komplikationen abwickelte. Während Oberst Veltzé vor allem mit Fragen des Ersten Weltkrieges befaßt war24), stand im Mittelpunkt der Forschungen von Senator Salata die nationale Einigung Italiens25). Es läßt sich auch feststellen, daß die italienische KriegsarDirektor anläßlich des Ausscheidens aus dem aktiven Dienst); Österreichische Wehrzeitung, Folge 13 (1927 April 1) 7 (Nachruf). 22) Hoen Chronik IV 254ff. In der Beilage 2 des Protokolls vom 31. Oktober 1924 (siehe Anm. 17), Punkt 2, sind die „Oberdank-Akten“ konkret angeführt. - Im Jänner 1923 war im Zusammenhang mit einem diesbezüglichen, in der Triestiner Zeitung II Piccolo vom 8. Dezember 1922 erschienenen Artikel eine Anfrage des Archivbevollmächtigten der Republik Österreich an das Kriegsarchiv ergangen (Registratur des Kriegsarchivs ZI. 75/1923). 23) Hoen Chronik IV 320ff. - Diese Passagen der Chronik enthalten schwere, unsachliche Vorwürfe gegen Veltzé, dessen Persönlichkeit sehr negativ gezeichnet wird (im Gegensatz zu 1920, siehe Anm. 21). Die Angriffe lösten bei Veltzé schwere Depressionen aus. 24) Registratur des Kriegsarchivs ZI. 522, 728, 2443/1925, 121/1926, 30/1927. 25) Ebenda ZI. 581, 630, 925, 1997, 1998, 2043, 2393, 2547/1925, 1895, 1961/1926, 32/1927, 947/1928, 2318/1929. Ein Ersuchen Salatas um Ausfolgung von Akten und