Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31. (1978) - Festschrift für Richard Blaas
Otto F. WINTER: Die italienische Kriegsarchivdelegation nach dem Ersten Weltkrieg
Die italienische Kriegsarchivdelegation 447 Übergabe der fallweise durch die kgl. italienischen Delegierten oder auf diplomatischem Wege angeforderten Akten erfolgen soll. Artikel VI legt fest, daß die beglaubigten Organe nach Artikel III in der publizistischen Verwertung ihrer Tätigkeit an die in Geltung stehenden Dienstvorschriften und Benützungsordnungen der in Betracht kommenden österreichischen Archive und Registraturen gebunden sind, daß ihnen also gegebenenfalls die Pflicht zur Wahrung des Amtsgeheimnisses obliegt (eine Ausnahme kann nur mit Zustimmung beider Regierungen bzw. erst ab 1. Jänner 1931 erfolgen). Bittner betont in seinem Kommentar dazu, daß es sich um ein schwerwiegendes Zugeständnis der österreichischen Regierung handelt, das über die vom Staatsvertrag von St. Germain geforderten Normen hinausgehe, daß aber dadurch andererseits eine Erleichterung bei den notwendigen Arbeitsvorgängen gegeben sei. Er führt weiter an, daß entsprechend der bevorzugten Stellung der Archivdelegierten vereinbart wurde, „nur Beamte des Staates und der staatlichen Betriebe“ mit diesem Amt zu betrauen18). Die Ernennung der italienischen Delegierten wurde — entgegen dem zitierten Text des Protokolls — schon am 17. April 1924 vorgenommen und am 30. April dem Kriegsarchiv zur Kenntnis gebracht: Senator Francesco Salata, der Generaldirektor der kgl. italienischen Staatsarchive Eugenio Casanova und Oberst a. D. Alois Veltzé19). Im Kriegsarchiv traten jedoch nur Salata und Veltzé in Aktion. Während die Nominierung Salatas (1876-1944), eines in Ossero auf der Insel Lussin (Losinj) geborenen Vorkämpfers der Irredenta in Istrien, der sich nach seiner Emigration bei Kriegsbeginn durch wissenschaftliche Publikationstätigkeit und nach 1918 durch die Mitwirkung an den Friedensverhandlungen große Verdienste um Italien erwarb, mit Gleichmut hingenommen wurde, ja dieser bald als „ein reizender Mensch . . . mit liebenswürdig vorgebrachten Wünschen“ apostrophiert wurde20), erregte die Oberst Veltzés (1864-1927) einen Sturm der Ablehnung. Dies lag einmal daran, daß Veltzé bis zu der im Jahre 1920 im Zuge der Abbaumaßnahmen erfolgten zwangsweisen Pensionierung fast dreißig Jahre, darunter lange Zeit in führenden Positionen, dem Personalstand des Kriegsarchivs angehört hatte, sodaß ihm von seinen Standesgenossen die Annahme der Staatsbürgerschaft des italienischen „Feindstaates“ und nun sogar einer offiziellen Funktion im Kriegsarchiv - für die er sich doch in Anbetracht seiner Sachkenntnis vorzüglich eignete — als „Verrat“ angelastet wurde21). Die zutage tretende 1S) Ebenda 91 ff. 19) Registratur des Kriegsarchivs ZI. 996/1924. 20) Kurzbiographie in Enciclopedia Italiana 30 (1949) 495ff und App. II 772. Salata war späterhin Präsident des italienisch-österreichischen Kulturinstituts in Wien. Seine von ihm gespendeten wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Bibliothek des Kriegsarchivs noch vorhanden. - Hoen Chronik IV 337. 21) Kriegsarchiv Personalakten, Qualifikationslisten Fasz. 3092; Inventar des Kriegsarchivs 1 63 („italienischer Oberst“, im Kriegsarchiv nur bis Oberstleutnant; diese Angabe ist unrichtig, da V. als Oberst aus österreichischen Diensten ausschied); Nachrichtenblatt des Kriegsarchivs n. 12 von 1920 September 1 (Würdigung durch den